Brief von Ernst Schoen an Paul Tillich und Familie vom 28. Januar 1935

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Der editierte Text

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32, Belsize Park,
London (Details anzeigen),N.W.3,28/I/35.

Liebe Familie Tillich (Details anzeigen) (Details anzeigen) (Details anzeigen),

Wir hören, dass Sie sich neulich schon wieder mal freundlich nach uns erkundigt haben. Sie müssen es also Ihrer eignen freundschaftlichen Bekümmernis um uns zuschreiben, wenn ich Sie heute nochmals mit unsern Angelegenheiten langweile.

Seit ich Ihnen Mitte Dezember von uns berichtete, habe ich dem hiesigen Vertreter der National Broadcasting Company, einem Herrn Bate (Details anzeigen), ein etwa 20 Tippseiten langes Memorandum über die Notwendigkeit der Gründung eines Forschungs–und Lehrinstituts der Rundfunkdarstellung für mich überreicht, nebst der Schilderung von etwa 10 meiner Rundfunkstücke und–aufführungen in Deutschland (Details anzeigen) und hier, einigen gedruckten Artikeln, usw. Er sagte mir, dass ihm diese Gründung „verfrüht“ scheine, und so machten wir aus, er möge seine New Yorker bosses fragen, ob sie mir wenigstens eine Stellung geben wollten, die so ein Institut vorbereiten würde. Kopie meines Institut–Entwurfs mit Darstellung der Sachlage habe ich dann gleich auch an den Herrn Dr. Kotschnig (Details anzeigen) nach Genf (Details anzeigen) geschickt, weil er als ich ihn hier sah, meiner Sache so sicher schien und mich geradezu bat ihn auf dem laufenden zu halten, und weil mir andrerseits das Verhalten der Amerikaner in meiner Sache recht undurchsichtig vorkommt. Ich habe an Herrn Dr. Kotschnig (Details anzeigen) seit Anfang dieses Monats drei Briefe gerichtet–einen mit dem Entwurf, einen mit einem P.S., und schliesslich einen dritten, der sich nach dem Schicksal der beiden ersten erkundigte,– alle drei ohne jede Antwort, owbohl ich von andern Leuten hörte, dass sie während der selben| Zeit Brief aus Genf (Details anzeigen) von ihm hatten, so dass er also nicht verreist sein kann. Ich habe nun das dringende Gefühl, ihm gegenüber oder sonst in dieser Sache irgend eine Verfehlung begangen zu haben, wenn diese auch nur meiner stadtbekannten Dummheit entsprungen sein sollte. Vielleicht besteht der Fehler und die Dummheit darin, dass ich in angeborener Träumerei von allen Verhandlungen immer einen grob materiellen Verlauf erwarte, während sie sich in Wirklichkeit scheinbar immer in einem romantischen Ungefähr abspielen. Im vorliegenden Fall z.B. hätte ich angenommen, dass die N.B.C. Denen, die sich für mich ihr näherten, entweder geantwortet haben sollte: Wir können für diesen Mann nichts tun, oder aber: Wir können das und das für ihn tun, er kann die und die Stelle dann und dann zu dem und dem Gehalt antreten. In Wirklichkeit aber scheint sie gesagt zu haben: Wir können vielleicht irgendwann irgendwas für ihn tun, womit dann alle freundlichen Helfer zufrieden gewesen zu sein scheinen, und alles Andre meinem Genie überlassen scheint, die Gesellschaft zu einer Anstellung zu einem bestimmten Datum und mit einem bestimmen Gehalt zu überreden. Oder wie soll ich mir sonst wohl das Abschieben der Sache von New York (Details anzeigen) nach hier und das Schweigen von Herrn Dr. Kotschnig (Details anzeigen) erklären? D.h., für das letztere habe ich in meinem unverschuldsvollen Sinn überhaupt keine Erklärung.

Ich weiss nicht, ob Ihnen der Cafard1 der Emigration in all seinen Spielarten bekannt ist? Wir jedenfalls leiden darunter in delirantem Stadium, kompliziert durch entsprechende chronische Pleite. Das Lange und Kurze dieser Schreibe soll daher nur sein Sie herzlichst zu bitten, ob Sie wohl bei Herrn Dr. Kotschnig (Details anzeigen), Herrn Professor Chamber| lain (Details anzeigen)2 – bei dem ich mich bisher nur ganz formell für seine Intervention bedankt habe – oder noch sonstwo eruieren könnten, was eigentlich los ist, ob ich wirklich etwas verfehlt habe und was, und ob und wie meine grob materiellen Wunschträume wohl doch noch mit der romantischen aber rauhen Wirklichkeit in Einklang gebracht werden können, bezw. ob und was ich selbst noch dazu tun kann. Ihrer freundlichen Antwort auf diese Fragen, falls Sie dazu einmal den Moment finden sollten, werden wir nun entgegenharren.

Inzwischen wie immer alle herzlichsten Wünsche und Grüsse Ihnen allen Dreien (Details anzeigen) (Details anzeigen) (Details anzeigen) – das selbe auch für Fräulein Bernstein (Details anzeigen) – von meiner Frau (Details anzeigen) und
Ihrem

Ernst Schoen (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1Im alten französischen Gebrauch des Wortes, kann „Cafard“ als Scheinheilig oder Heuchler übersetzt werden.
2Hierbei könnte es sich um den Rechtsprofessor Joseph Perkins Chamberlain handeln, der möglicherweise mit Kotschnig in Korrespondenz stand und an Organisationen beteiligt war, die Flüchtlingen aus Europa zur Rettung und Hilfe beistanden.

Register

aLondon
bTillich, Paul
cTillich, Hannah
dFarris, Erdmuthe
eHerr Bate, ???
fDeutschland
gKotschnig, Walter
hGenf
iKotschnig, Walter
jGenf
kNew York City
lKotschnig, Walter
mKotschnig, Walter
nChamberlain, Joseph Perkins
oTillich, Paul
pTillich, Hannah
qFarris, Erdmuthe
rFrau Bernstein, ???
sSchoen, Johanna
tSchoen, Ernst

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/182(43)
Typ

Brief, maschinenschriftlich mit handschriftlichen Korrekturen

Postweg
London Nordwest Bezirk 3 - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Ernst Schoen an Paul Tillich und Familie vom 28. Januar 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10162.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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