Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow ohne Datum, vermutlich September 1920

Zum TEI/XML DokumentDeprecated PDFAls PDF herunterladen

Der editierte Text

|

1 Hannah (Details anzeigen)! Geliebte!

Hab Dank für Deine beiden Briefe!2 Der eine hat mich am Vorabend des Geburtstages erreicht, wo Du als Dichterin zu mir sprichst in aller Farbenpracht. Doch Du bist immer Dichterin; jedes Wort das Du schreibst, klingt höher, größer als das profane Wort; es kommt aus einer Seele, die höher und größer ist, als alles Profane. – Du leidest; und ich glaube fast, etwas davon ist begründet in dem, was in Deinem Leibe vor sich geht; Du schreibst, es ist zu spät für meine Mittel; dann aber ist es überhaupt zu spät für „Mittel“. Dann hilft nur der Eingriff; und Du darfst keine Zeit verlieren, wenn Du entschlossen bist, zu verneinen, was der Zufall brachte, wenn es Dein restlos entschlossener Wille ist, jetzt noch kein Leben neu zu schaffen, sondern nur Dich selbst. Dann gehe sofort zu dem Arzt, von dem Du sprachst; es ist physisch keine leichte Sache und sie muß physisch mit größter Vorsicht gemacht werden. Die Hauptsache aber ist: sofort! Ich bitte Dich um häufige, schnelle Nachrichten, da ich mich für Dich sorge. – Daß Du körperlich so schwer arbeiten mußt, tut mir einerseits Leid, andererseits ist ja keine verlorene Sache und dient der Kraftkonzentration, die Du so nötig hast wie ich. – Ich fahre von Dölzig (Details anzeigen) über Stargard (Details anzeigen) nach Rügenwaldermünde (Details anzeigen). Ursprünglich sollte Eva Wever (Details anzeigen) mitkommen; sie schrieb aber ab. Ich schrieb darauf an eine Frau Apelius [sic!] -Erbslöh (Details anzeigen)3, die ich vor einiger Zeit kennen gelernt hatte, eine Kriegerwitwe, deren ursprünglich starke Erotik, sich in mütterlichen Fürsorgewillen gewandelt hat, und die hier rührend für mich sorgt, mich nach Art der Rügenwalder Gänse geradezu stopft. – Sonst ist hier alles ganz friedlich und äußerst primitiv und dementsprechend billig. Kurkonzert, Promenade, Badebetrieb, Restaurants etc. gibt es nicht; um so| schöner ist das Meer, weit und offen, und brausend an den Molenköpfen. Ich baue meine Burg, deren Schema Du ja kennst, als richtiger Schwerarbeiter mit einer mächtigen Kohlenschaufel bewaffnet. Nachmittag wird gebadet und Abends sinke ich todmüde ins Bett. Zum Geburtstag hatte mir Frau Apelius [sic!] (Details anzeigen) zwei schöne Astern-Sträuße aufgebaut, vor allem aber hatte der Himmel Westwind mit Wellen geschickt, das schönste Geschenk, was ich kenne; dann springt alles in mir auf; es ist ein Jubeln in mir über die Kraft und Herrlichkeit der Natur. – In diesen Tagen bin ich weiser geworden; mir ist der rationale Sinn des Jesuwortes aufgegangen: „Sorget nicht für den morgenden Tag; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen; es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe“ d. h. Jede [sic!] Lage schafft auch biologische Kräfte, durch die man ihr gewachsen ist; mit der Sorge aber ists wie mit dem schlechten Traum; man ist machtlos und es drückt stärker als das jeweils Wirkliche. Der Wirklichkeit entsprechen Gegenkräfte; die Zukunft ist stärker als wir; diese Einsicht hat mir diese Tage schöner gemacht, und ich denke, sie wird mir weiter helfen; sie wird aus einer Einsicht zu einer Lebensform werden. – Mein Schwager Alfred (Details anzeigen) schreibt mir zum Geburtstag4, daß er viel an Dich dächte und Dich liebgewonnen hätte. Aber ich hätte nicht die volle Kraft der unbedingten Ausschließlichkeit gehabt, der „Treue“; hast Du es gespürt? In den letzten Wochen sicher nicht mehr. Da warst nur Du da! Es ist wohl dasselbe, was Trude Horn (Details anzeigen) von Dir meinte. – Und nun leuchtet die Sonne und das Meer und der Sand in göttlicher Herrlichkeit!

Ich denke an Dich, ich bin bei Dir.

P (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Am oberen Rand des Briefes wurde von fremder Hand (wahrscheinlich Hannah Tillich (Details anzeigen)) „Sept. 20“ vermerkt. Aus dem Inhalt des Briefes lässt sich schließen, dass Hannah Tillich (Details anzeigen) zu diesem Zeitpunkt von ihrer Schwangerschaft erfahren hat. Da sie im September 1921 schwanger gewesen ist und im Juni 1922 ein Johannes Gottschow (Details anzeigen) geboren hat, ist unklar, ob von dieser Schwangerschaft die Rede ist oder ob bereits 1920 eine frühere Schwangerschaft vorlag.
2Die Korrespondenzen liegen nicht vor.
3Die Korrespondenz liegt nicht vor.
4Die Korrespondenz liegt nicht vor.

Register

aTillich, Hannah
bTillich, Hannah
cGottschow, Johannes
dTillich, Hannah
eDölzig
fStargard
gRügenwaldermünde
hWever, Eva
iAppelius, Hildegard
jAppelius, Hildegard
kFritz, Alfred
lFritz, Gertrude
mTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2(16)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brieffragment von Paul Tillich an Hannah Gottschow ohne Datum, vermutlich September 1920
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow von September 1920

Entitäten

Personen

Orte

Bibelstellen

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow ohne Datum, vermutlich September 1920, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01348.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01348.html |titel=Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow ohne Datum, vermutlich September 1920 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum= |abruf=???? }}
L01348.pdf