Der editierte Text

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11. Juli 1930

Lieber Tillich (Details anzeigen)!

Vor einigen Tagen bin ich vom Kultusministerium gebeten worden, ihnen in der Frage der Erteilung der öffentlichen Körperschaftsrechte an die Freidenker ein Gutachten zu erstatten. In einer Vorbesprechung vor einigen Wochen habe ich auch auf Befragen Deinen Namen unter denjenigen genannt, die in erster Linie für ein solches Gutachten in Frage kommen. Ich möchte Dich nun fragen, ob Du in diesen Tagen auch vom Kultusministerium eine solche Aufforderung erhalten hast. Es würde mir lieb sein, wenn wir uns über die Gründe und Gegengründe, die für die Anerkennung der Freidenker von Seiten des Staates sprechen, irgendwie unterhalten könnten. Ich halte die Sache für wichtig, da sie u.U. sehr starke kulturpolitische Konsequenzen hat.1

Vor Ostern habe ich Deine „Religiöse Verwirklichung (Details anzeigen)“ gelesen. Ich wollte Dir schon immer einmal schreiben und aussprechen, welchen grossen Gewinn ich davon gehabt habe. Ja, ich kann fast sagen, dass mir manche Kapitel eine Offenbarung waren. Allerdings hätte ich das 1. Kapitel (Details anzeigen) gern noch| konkreter gestaltet gesehen. In meinem Buch „Pädagogik aus Glauben“ (Details anzeigen) bin ich öfters auf Deine Gedanken zurückgekommen.

Mit herzlichem Gruss


Fußnoten, Anmerkungen

1Schreiner (Details anzeigen) war als Vorsteher des Evangelischen Johannesstifts in Berlin-Spandau, in dem seit 1926 die Apologetische Centrale – die zentrale Einrichtung der evangelischen Kirche zur Auseinandersetzung mit nicht-christlichen Weltanschauungen unter Leitung von Carl Gunther Schweitzer (Details anzeigen) – ihren Sitz hatte, ein naheliegender Gutachter für das Kultusministerium. Die evangelische Kirche führte ab 1929 einen verschärften Kampf gegen die Freidenkerbewegung, in deren Wahrnehmung Freidenkertum, „Kulturbolschewismus" und sowjetische Christenverfolgung zu einem existenziellen Bedrohungsszenario verschmolzen. Tillich (Details anzeigen) vertrat in seiner Antwort (Details anzeigen) vom 17. Juli 1930 eine Gegenposition zur kirchlichen Mehrheitsmeinung: Die Verleihung der Körperschaftsrechte würde den Freidenkern gerade ihre stärkste agitatorische Waffe – den Angriff auf die Privilegien der Kirchen – entreißen.

Register

aTillich, Paul
bSchreiner, Helmuth
cSchweitzer, Carl Gunther
dTillich, Paul
eBrief von Paul Tillich an Helmuth Schreiner vom 17. Juli 1930
fTillich, Religiöse Verwirklichung, 1930
gTillich, Das Religiöse als kritisches Prinzip. Die protestantische Verkündigung und ..., 1930
hSchreiner, Pädagogik aus Glauben, 1930

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Münster, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Universitäts- und Landesbibliothek Münster, Nachlass Helmuth Schreiner, Kapsel 24: Briefwechsel 1924-1928 +1929-1931, 24,051
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - Frankfurt a. M.
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Helmuth Schreiner vom 17. Juli 1930

Entitäten

Personen

Literatur

Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Helmuth Schreiner an Paul Tillich vom 11. Juli 1930, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01073.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L01073.pdf