Der editierte Text

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Lieber Tillich (Details anzeigen),

meine Sehnsucht nach Ihnen ist so groß, daß es nicht mehr aushalten kann. Absolut bin ich glaube ich nicht so schlecht, wie es relativ aussieht. Jetzt bin ich wieder etwas ruhiger, aber eben war ich zwei Std! lang so aufgeregt, wie fast noch nie. Es kommt alles zusammen bei mir. Zu dem unendlich großen Schmerz um Sie, der allein mich ganz ausfüllt, kommt so viel anderes, was mich aufregt, so daß ich ganz verwirrt werde. Ich will Ihnen heute keine Einzelheiten erzählen. Aber mein Mut ist ganz fort – schreiben Sie mir ganz schnell, wenn Sie mir ein bißchen Trost geben wollen. Ich sehne mich so sehr nach Ihnen. Zu den Eltern bin ich garnicht gut. Wenn Sie wüßten, wie aufgeregt ich in der Tat bin, und dann den trockenen Brief lesen, da ist ein sehr großer Unterschied. Trösten Sie mich! Aller menschlicher Halt ist für mich verschwunden, außer Ihnen. - Wenn die Eltern wüßten, was ich immerzu durchmache, dann würden sie mir vielleicht nicht so verständnislos entgegenkommen. Aber ich bin körperlich jetzt so herunter, obgleich man es mir natürlich nicht ansieht, so daß ich ganz verwirrt bin. Tillich (Details anzeigen), nur Verständnis wünsche ich augenblicklich und – Liebe. Ich weiß auch, woran es liegt, daß ich so lieblos bin zu allen hier. Ich ärgere mich sehr über das Vorurteil, was alle mir entgegenbringen – es regt mich rasend auf. –

Ich habe in der letzten Nacht auch nur sehr wenig geschlafen - Ach, schreiben Sie mir umgehend. Ich muß etwas von Ihnen hören[.]

Lieber Tillich (Details anzeigen)! Am Montag fahre ich nach Greifswald (Details anzeigen). Schreiben Sie mir bitte dahin: „Eldena (Details anzeigen) b/ Greifswald (Details anzeigen) bei Prof. Kögel (Details anzeigen).“ - Ob Sie als Mann mich ganz verstehen können, weiß ich nicht! Aber ich glaube und hoffe es! Es geht nicht mehr so weiter. Ich bin sehr, sehr schlecht, und Ihrer ganz und gar unwürdig. – Es kommt eben zu viel auf einmal auf mich ein. Deshalb ist es doch gut, daß ich nach Greifswald (Details anzeigen) fahre, weil dort mehr Ruhe ist, sonst habe ich gar keine Lust dazu. Aber wenn ich von da zurückkomme, will ich mich bemühen, Eltern u. Geschwistern mehr Liebe zu erzeigen! – Schreiben Sie mir, bitte! Kennen Sie eine so rasende Sehnsucht? Am meisten würde ich mich freuen, wenn ich bei meiner Ankunft in G. (Details anzeigen) schon einen Brief von Ihnen hätte.

Ich glaube, daß jetzt eine Unterredung mit Ihnen, mich sehr beruhigen würde. Sie müssen im August bald mal nach Berlin (Details anzeigen) kommen! Mir zu Liebe!

Paul Haufe, der immer mit uns im Garten spielte, ist gestern an Diphtheritis ganz schnell gestorben! Am Sonntag war er noch in der Kirche. Ich war Sonntag bei Lahusen (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aBerlin-Lichtenrade
bTillich, Paul
cTillich, Paul
dTillich, Paul
eGreifswald
fEldena
gGreifswald
hKögel, ???
iGreifswald
jGreifswald
kRhine, Maria
lBerlin
mLahusen, Friedrich

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974, bMS 649/178
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin-Lichtenrade - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Maria Klein an Paul Tillich vom 19. Juli 1913, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00348.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L00348.pdf