Der editierte Text

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Bonn (Details anzeigen), den 8. Juni 1913.
Baumschulallee 41.

Lieber Tillich (Details anzeigen)!

Ich bin, wie Du weißt, |:im Begriff:| zum 15.X. meine Stelle als Stiftsinspektor zu kündigen. Bevor ich (in den nächsten Tagen) das Schriftstück absende, wüßte ich gern, ob man bei der Wahl des Nachfolgers auf Deine Bereitwilligkeit rechnen kann. Von Weber (Details anzeigen) höre ich, daß Du nicht abgeneigt schienst.

Ich glaube, Dir die Stellung ernstlich empfehlen zu können. Der Umgang mit den „|:(12):| Stiftsgenossen“ gestaltet sich leicht u. zwanglos. Statutengemäß bist Du zu | einer „Übung“ wöchentlich verpflichtet. Die eine Stunde hatte sich ausgewachsen bis zu 6 oder 7, unter Boehmer (Details anzeigen). Ich reduzierte sie auf 5. Es steht nichts im Wege, sie auf 4 od. 3 zu kürzen. Die Tageszeit ist Deinem Ermessen überlassen. Böhmer (Details anzeigen) „übte“ z.T. nachmittags. Aus Zweckmäßigkeitsgründen (wegen der leichteren Handhabung der Hausordnung) wählte ich die Morgenstunden. Man hält morgens gemeinsam Andacht, mit anschließendem Kaffe. Später als 8 h. wird das allerdings im Winter kaum gehen.

In der Wahl der Gegenstände hast Du völlig freie Hand. Für systematische Stoffe findest Du hier einen dankbaren Boden, sofern diese Dinge hier sehr im Argen liegen. Auch für die Vorlesungen gilt das. Die philoso[p]hische Harm| losigkeit unserer Leute ist sehr erheblich, der popularphilosophische Einfluß einiger Dozenten der phil. Fakultät fordert Gegenwirkung. An Schafft (Details anzeigen) u. Weber (Details anzeigen) wirst Du verständnisvollen Umgang finden, während ich mich nicht anheischig mache, dem spekulativen Kluge zu folgen.

Das Einkommen ist allerdings knapp, ne dicam kläglich. Du erhältst bei freier Wohnung (nicht: Station!) 1500 M., von denen 145 für Wohnung abgezogen werden (pr. Staat!); dazu kommen 180 M. für die {¿¿¿} des Bücherwarts der Seminarbibliothek. Durch Kolleggeld wirst Du in jedem Semester leicht 300 M. verdienen können, so daß Du m. E. auf 2200 M. rechnen kannst.

Nun hörte ich von Deinen Berliner (Details anzeigen) Plänen. Indessen die laufen nicht fort. Hier hättest Du eine Aufgabe, u. das | Rheinland ist in vieler Beziehung intressanter Boden. Vielleicht wirst Du, wenn Du etwa 3 Jahre hier gewesen sein wirst, ähnlich wie Boehmer (Details anzeigen) für die Erweiterung des Gesichtskreises dankbar sein; für die kathol. Kirche ist d. Rheinland jetzt die Beispielsprovinz, u. in der deutschen evangl. Kirche dürfte die Entwicklung auch nirgends so mannigfaltig u. vorgeschritten sein, wie hier.

Ich bin überzeugt, Du wirst, wenn Du kommst, Deinen Entschluß nicht bereuen, um so weniger, als die große Berliner (Details anzeigen) Wirksamkeit Dir nicht entgeht.

Ich wäre Dir dankbar, wenn Du mir möglichst umgehend Bescheid geben könntest. Lehntest Du ab, so fehlte mir die Freudigkeit, zu kündigen.

Es grüßt Dich herzlich

Dein Strathmann (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aBonn
bTillich, Paul
cWeber, Hans Emil
dBoehmer, Heinrich
eBoehmer, Heinrich
fSchafft, Hermann
gWeber, Hans Emil
hBerlin
iBoehmer, Heinrich
jBerlin
kStrathmann, Hermann

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Marburg, Philipps-Universität Marburg, Universitätsbibliothek Marburg, Deutsches Paul-Tillich-Archiv, 008 G
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Bonn - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Hermann Strathmann an Paul Tillich vom 08. Juni 1913, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00339.html, Zugriff am ????.

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