Rundbrief von Paul Tillich und Maria von Wedemeyer mit Zusatz an Karl Bernhard Rittervon Dezember 1948

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Der editierte Text

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Dezember 1948

Liebe Ritters (Details anzeigen)!

Nun bin ich schon mehr als 2 Monate von Europa (Details anzeigen) und mehr als 3 Monate |:von Deutschland (Details anzeigen):| fort; die ungeheuren Eindrücke der Reise haben sich gelagert, und aus dem „Satz“ habe ich eine Reihe von Berichten gemacht, mündlich und schriftlich. Die 8 Tage auf dem Schiff gaben Gelegenheit, mein Tagebuch zu studieren und das Bild zu zeichnen, das den verschiedenen Ausführungen zu Grunde liegt. Es ist ein Bild, das überall sehr starken Eindruck gemacht hat, nicht weil es einen genaueren Bericht gab als die amerikanischen Reporter – das ist schlechthin unmöglich – sondern weil es aus menschlichen Schichten sprach, in die nur jemand eindringen kann, der einst in ihnen zu Hase war. Ich habe mich dabei vor allem auf das Psychologische und Theologische konzentriert. Den psychischen Zustand der Deutschen habe ich als das beschrieben, was man im Frankfurter psychologischen Seminar zu meiner Zeit „Katastrophen-Reaktion“ nannte, den religiösen Zustand als das Drängen nach einer „transcendenten Sicherheit“ in einer Welt, in der jede Spur diesseitiger Sicherheit verschwunden ist. Das wichtigste meiner Eindrücke (soweit sie formulierbar sind) habe ich in einem Artikel: „Visit to Germany (Details anzeigen)“ (in „Christianity and Crisis“, November 15th) veröffentlicht und werde denen, die englisch lesen können, eine Kopie zugänglich machen. Ich hoffe, dass ich eine deutsche Übersetzung an alle übrigen schicken kann. Darum will ich jetzt nichts weiter über diesen Punkt schreiben.

Dafür liegt mir daran, einiges über die hiesige Lage zu berichten, erst über die persönliche, dann über die allgemeine.

Persönlich hat mir die Reise nach Deutschland (Details anzeigen) eine Last aufgeladen, die mir zu tragen schwer ist. (Und ich spreche damit aus, was die meisten meiner Freunde, die jetzt in Deutschland (Details anzeigen) waren, erleben.[)] Diejenigen unter uns, die hier ein Lebenswerk gefunden haben, arbeiten durchweg über ihre Kräfte. Entscheidend dafür sind die zahllosen Aktivitäten, die neben dem Hauptberuf gefordert werden und denen man sich aus vielerlei Gründen nicht entziehen kann. Dazu kommt als Verschärfung das Leben in New York (Details anzeigen), der Brücke der Welt, und eine Welt für sich selbst, und mein Leben in „Union Theological Seminary“, der Brücke der Weltkirchen, und eine Kirche für sich selbst. Und nun hat die Deutschland (Details anzeigen)-Reise und das Versprechen, das wir dort gegeben haben, eine Brücke von und nach Deutschland (Details anzeigen) zu sein, eine neue, ganz grosse Verantwortung auf uns gelegt. Es ist leicht zu sagen „Ultra posse nemo obligarur;“ aber wo sind die Grenzen des „posse“? Und so bleibt, was immer man tut, der Druck eines unaufhörlichen Schuldgefühls – Schuld in dem ganz konkreten Sinn von unbezahlten Schulden, persönlichen in Briefen, geistigen in Artikeln und Büchern, ökonomischen in Paketen, beruflichen in Zusammenarbeit mit deutschen Projekten, religiösen in innerem Mittragen dessen was dort geschieht. – Einige Bemerkungen zu diesen Punkten: Es war eine der grossen Erfahrungen meiner Reise, dass die 15 Jahre oder länger unterbrochenen Beziehungen im Augenblick des Wiedersehens da waren als ob nichts geschehen wäre. So würde es auch jetzt sein, wenn immer ich zurückkäme. Briefwechsel ist eine Freude und einer der Reichtümer des Lebens. Aber sein Ausfall bedeutet keineswegs die Zerstörung einer wirklichen Gemeinschaft. Darum bitte ich: Schenkt mir den Reichtum und die Freude| Eurer Briefe, soweit es Euch nützlich ist |:möglich ist:| und Freude macht und hört nicht auf, wenn die Antworten selten und kurz sind! Jedes Wort, das über den Ozean kommt, ist ein Teilchen in einer Brücke und hat auf den Stand der Welt Einfluss, auch wenn es allerpersönlichst ist. Ich habe das vielfach erfahren. – Über das Ökonomische habe ich schon früher einmal geschrieben.1 Inflation und Steuer treffen die Schicht der Festbezahlten weitaus am meisten. Für einen Anzug, den ich in Deutschland (Details anzeigen) liess, habe ich trotz dringenden Bedürfnissen noch keinen Ersatz kaufen können. Pakete können nur von Nebeneinnahmen bezahlt werden, deren Erwerb die kurze Zeit nimmt, die von der Hauptarbeit übrig bleibt. So verhindert das Abtragen der Geld-Schuld das Abtragen der Brief-Schuld. Das sind nur Beispiele, die ich fortsetzen könnte. – Aber trotz dieser Last untragbarer Schulden gibt es seit Jahrzehnten kein Ereignis in meinem Leben, das mich so gelöst, erfüllt, dankbar gemacht hätte wie die Reise nach Deutschland (Details anzeigen) und jeder einzelne Moment darin, sachlich und menschlich.

Über die hiesige Lage möchte ich nur Folgendes sagen: Der Ausfall der Wahlen hat auf das ganze Volk einen ungeheuren Eindruck gemacht. Diejenigen unter uns, die von Europa (Details anzeigen) kommen, wissen nur ein Beispiel gleicher Bedeutsamkeit, die englischen Wahlen von 1945. In beiden Fällen wurde das völlig Unerwartete Ereignis: Der politische Instinkt der angelsächsischen Volker hat der Nachkriegspropaganda in England (Details anzeigen), der Anti-Roosevelt-Propaganda in Amerika (Details anzeigen) widerstanden. Trotz der Haltung der gesamten Presse, des Radios, der Zeitschriften, der Statistiker und wissenschaftlichen Wahrsager hat das amerikanische Volk sich für das Erbe von Roosevelt (Details anzeigen) und gegen die Reaktion entschieden. Wir dachten: Hätte das deutsche Volk in den entscheidenden Jahren nur eine solche Wahl zu Stande gebracht, wie anders sähen die Welt und Deutschland (Details anzeigen) jetzt aus!

Eindrucksvoll war auch der Wechsel der theologischen Atmosphäre. Die ungeheure Gespanntheit und Geladenheit des deutschen religiösen Lebens und Denkens war verschwunden. Die Idee, dass man aus Gründen radikal historischer Kritik oder philosophischer Methoden einem Ketzerprozess ausgesetzt ist, übersteigt noch die Einbildungskraft der grossen Mehrheit aller amerikanischen Theologen. Dabei ist in der jüngeren Generation der Einfluss der „kontinentalen Theologie“ (Neo-Orthodoxy genannt) sehr zu spüren. Man ist pessimistischer über Mensch und Geschichte, biblischer und positiver gegenüber der christlichen Tradition, als noch vor 10 Jahren, aber man ist weit davon entfernt, den Wert und die Wahrheit der historischen Arbeit und des philosophischen Denkens innerhalb der Theologie zu unterschätzen. Man ist zu universal, zu tolerant, zu wissenschaftlich sauber dazu! Und man fühlt es als eine tragische Ironie, dass man diese methodische Sauberkeit gerade von der deutschen Theologie gelernt hat, die heute ihre eigene Blütezeit als Periode des „Neuprotestantismus“ verdammt.

Unübertroffen erscheint mir dagegen die Erfahrungstiefe, die ich in einzelnen Deutschen gefunden habe, und die nur durch siegreiches Überstehen eines Übermaszes an Leiden erreicht wird. Im Vergleich damit erscheint vieles hier flach und vorläufig. Aber es wäre ein grosses Missverständnis, wenn man glaubt, damit „den“ Amerikaner (wie ich diesen singular hasse!) charakterisiert zu haben.

Meine Gedanken überfliegen ständig den Ozean und suchen Euch. Oft erscheint mir dieser oder jener so bildhaft nah, dass die Entfernung unglaubhaft wird. Jedenfalls ist es mir unmöglich, nicht ans Wiedersehen zu glauben!|

Dies ist ein Neujahrsgruss in Erinnerung an die beiden schönen Abende in Eurem Haus und Eure Mitarbeit in meinem Kolleg! Es war gut, Euch nach allem Schrecklichen und Unvorstellbarem so wiederzufinden wie ich Euch fand, und die alte Beziehung so einfach fortsetzen zu können!

Alles Gute für 1949!

Euer Paul Tillich (Details anzeigen)

Lieber Onkel Karl (Details anzeigen),

da ich gerade Professor Tillich (Details anzeigen) besuche, ist es {nett}, daß ich Dir gleich auch einen Gruß zu Neujahr schicken kann{¿¿}. Sicher habt Ihr durch {¿¿¿} die neusten Nachrichten von mir. Ich fange langsam an es hier sehr zu genießen und furchtbar viel zu lernen und ich [sic!] herrlich zu finden.

Viele liebe Grüße an Tante Marta (Details anzeigen) und ¿¿¿ und vor allem ¿¿¿

Deine Maria Wedemeyer (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1Vgl.

Register

aRitter, Karl Bernhard; Ritter, Margarete
bEuropa
cDeutschland
dTillich, Visit to Germany, 1948
eDeutschland
fDeutschland
gNew York City
hDeutschland
iDeutschland
jDeutschland
kDeutschland
lEuropa
mEngland
nVereinigte Staaten von Amerika
oRoosevelt, Franklin D.
pDeutschland
qTillich, Paul
rRitter, Karl Bernhard
sTillich, Paul
tRitter, Margarete
uWedemeyer, Maria Friederike von

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Schleswig, Schleswig-Holstein'sches Landesarchiv, Michaelsbruderschaft, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., Abt. 423.2/Nr. 1742
Typ

Brief, maschinenschriftlich; Zusatz und Unterschrift eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Rundbrief von Paul Tillich und Maria von Wedemeyer mit Zusatz an Karl Bernhard Rittervon Dezember 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11264.html, Zugriff am ????.

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