<?xml version='1.0' encoding='UTF-8'?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="L10159.xml" xml:base="https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at" prev="L10158.xml" next="L10161.xml">
   <teiHeader>
      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>Brief von Richard Wegener an Paul Tillich vom 6. Januar 1935</title>
            <author ref="#tillich_person_id__2020">Richard Wegener</author>
            <respStmt>
               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3962-1240">Manuel Inselmann</name>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
               <address>
                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
                  <postCode>1010</postCode>
                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
               </address>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
         <sourceDesc>
            <msDesc type="typescript">
               <msIdentifier>
                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno>bMS 202(45)</idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, maschinenschriftlich</p>
                  <!-- SIEHE DAZU PHYSDECS-DOKUMENT AUF SERVER -->
               </physDesc>
            </msDesc>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <encodingDesc>
         <projectDesc>
            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
         </projectDesc>
         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
      </encodingDesc>
      <profileDesc>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__2020">Richard Wegener</persName>
               <date when="1935-01-06">06.01.1935</date>
            </correspAction>
            <correspAction type="received">
               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
            </correspAction>
         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__2020">Korrespondenz mit Richard Wegener</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__2020" target="L10033.xml">Brief von Richard Wegener an Paul Tillich vom 7. April 1934</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__2020" target="L10245.xml">Brief von Richard Wegener and Paul Tillich1935</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L10158.xml">Brief von Paul Tillich an Hannah Tillichvom 3. Januar 1935</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L10161.xml">Brief von Paul Tillich an Nina Baringvom 13. Januar 1935</ref></correspContext></correspDesc>
         <langUsage>
            <language ident="deu">Deutsch</language>
         </langUsage>
      <creation><date type="sort" when="1935-01-06"/></creation></profileDesc>
      <revisionDesc status="approved">
         <change who="MI" when="2026-07-23">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
      </revisionDesc>
   </teiHeader>
   <text type="letter">
      <body>
         <div type="writingSession">
            <pb n="1"/>
            <opener><dateline><date when="1935-01-06">6. Jan. 1935.</date></dateline>
               <salute>Lieber <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Paulus</rs>!</salute>
            </opener>
            <p>Dank für Deinen Weihnachtsbrief <note type="ea">Liegt nicht vor.</note>. Ich erhielt
            sowohl den Rundbrief wie die Th.Bl.: danke.</p>
            <p>D a s Buch des letzten Jahres ist: <rs ref="#tillich_person_id__965" type="person">Werner J a e g e r</rs>,
            <rs ref="#" type="work">PADEIA</rs>: Band I; de Gruyter. Es enthält die Bilanz der 
            altphilologischen Arbeiten der letzten 30 Jahre. Was sie Altph. über die vorperikleische
            Zeit wissen, steh darin. Ich habe eine <q>Masse</q> daraus gelernt. Natürlich für uns nur 
            Stoff, aber solideste Arbeit. Als Materielaufarbeitung unendlich brauchbar und unumgänglich.</p>
            <p>Das aktuelle Schrifttum lese ich, indem ich es für die Bibliothek anschaffe, genau.</p>
            <p>Meine Rettung ist immer – was Dir viel erklären mag – die nicht oft genug anzuführende
            Tatsache, das <rs ref="#tillich_person_id__1643" type="person">Rosenberg</rs> sein Buch <q>Mythos</q> genannt hat.
            Ich lehre Mythos gern.</p>
            <p>Uebrigens ging das System an seiner Unfähigkeit Mythos zu erzeugen zugrunde; deshalb
            ist es auch ausgeschlossen, dass es je wiederkommt.</p>
            <p>Was den Fall <rs>Mane</rs> anbetrifft, so sind prinzipiell die Kairostheologen von
            1933 nicht <q>schlechter</q> sind als die von 1919; wenn man überhaupt schon aus der 
            gänzlichen Ueberzeitlichkeit in die Zeit hineinsteigt, auch wenn es und grade wenn es 
            der erfüllte <q>Augenblick</q> ist....</p>
            <p>Dem wirst du nicht zustimmen.</p>
            <p>Aber vielleicht folgendem: der Kairos-Theologe muss auf jeden Fall dem Kairos an der Klinge
            bleiben; er muss, wenn er nicht aktiv eingreifen kann, wenigstens die Atmosphäre des Kairos
            einatmen und in diesem Sinne möchte ich sagen: der Emigrant hat zu allen Zeiten Unrecht,
            wegen seiner Aseitigkeit. Sind nicht also Eure 50%igen Diskussionen abseitig – sie können
            für <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs> nichts bedeuten. Und so meine ich denn: 
            (ceterum censeo): Du musst schon am 1. April zurückkommen, um dem Kairos an der besagten
            Klinge zu bleiben.<pb n="2"/> Schließlich bist Du an die 50; wenn Du der Zeit aud dem Kairos
            heraus noch etwas sagen willst, was für die jetzt werdenede Jugend von irgend welchem Wert 
            sein soll, so komm eilend herüber.</p>
            <p>je älter ich werde, desto mehr misstraue ich dem Propheten desto mehr schlage ich 
            mich auf die Seite des Priesters, der weiser, milder, heidnischer ist. Er hats auch 
            nicht so mit der unbedingten Forderung  und mit der Ethik. Ganz allgemein religionshistorisch
            ist es ja sowieso unmöglich, der priesterlichen Weihe zu gunsten des prophetischen 
            Fanatismus jeden Wert abzuprechen; um Gegenteil....</p>
            <p>Freilich – auf protestantischem Boden ist mit der Wiehe und dem Priester nichts zu
            machen – das ist aber der erbsündige Geburtsfehler ders Protestantismus und insofern
            sind wir seit <rs ref="#tillich_person_id__1228" type="person">Luther</rs> absolut verkorxt, da hilft kein 
            Beten mehr. und insofern ist <rs ref="#" type="person">Mane</rs> kein <q>rechter</q> 
            Protenstant, und insofern begeht er einen Raub, als die Kairos-Theologie wohl dem
            Profetentyp reserviert werden muss. Doch gibt es wohl auch eine <q>Weihe</q> des grossen
            Augenblicks und dirch den selben.</p>
            <p>Uebrigens leige ich nicht in <rs ref="#tillich_place_id__746" type="place">Pommern</rs>, sondern in der
               <rs ref="#tillich_place_id__1917" type="place">Prignitz</rs>. Sooft ich durch <rs ref="#tillich_place_id__549" type="place">Nauen</rs>
            fahrem sooft und öfter denke ich an Dich und an Deine kairoswidrige Abseitigkeit.</p>
            <closer>
               <salute>Dein</salute>
               <signed><rs ref="#" type="person">DOX.</rs></signed>
            </closer>
        <postscript><p>doxens Brief nett und freundschaftlich zu dir hin, aber sonst sehr marode....</p></postscript>
         </div>
      </body>
   <back><listPlace><place xml:id="tillich_place_id__549">
                  <placeName>Nauen</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>52.60701 12.87374</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/2866930/</idno>
                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q32174574</idno>
               </place>
               <place xml:id="tillich_place_id__122">
                  <placeName>Deutschland</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>51.50000 10.50000</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/2921044/</idno>
                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q183</idno>
               </place>
               <place xml:id="tillich_place_id__746">
                  <placeName>Pommern</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>53.66667 15.00000</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/3088388/</idno>
                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q104520</idno>
               </place>
               <place xml:id="tillich_place_id__1917">
                  <placeName>Prignitz</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>53.00000 12.00000</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/2852047/</idno>
                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q6132</idno>
               </place>
               </listPlace><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__965">
                  <persName>Jaeger, Werner</persName>
                  <note type="bio">
                     <p>Jaeger, Werner Wilhelm (30.7.1888 Lobberich – 19.10.1961 Boston), klassischer Philologe, studierte seit 1907 Philos. und Altphilol. in Marburg und Berlin, 1914 PD in Berlin, Ordinarius in Basel (1914), Kiel (1915) und Berlin (1921). 1936 Entlassung aus dem preußischen Landesdienst auf eigenen Wunsch aus polit. und familiären Gründen und Emigration in die USA, 1937 Prof. in Chicago, seit 1939 in Harvard. Nach maßgeblichen Studien zu Aristoteles und Gregor von Nyssa entwickelte J. einen sog. »dritten Humanismus«, der seine Nähe zu antidemokratisch-elitären Vergemeinschaftungsmodellen widerspiegelte. Gegen O.Spengler, den Marxismus und Nationalismus wollte J. mit idealistischem Bildungspathos die polit.-geistige Krise der 20er und 30er Jahre durch zeitlos gültige sittlich-kulturelle Formkräfte der griech. Antike überwinden und den positivistischen Historismus der Altertumswiss. zugunsten neuer Sinnstiftung transzendieren.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1228">
                  <persName>Luther, Martin</persName>
                  <birth>
                     <date>1483-11-10</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Eisleben</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1546-02-18</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Eisleben</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118575449</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Martin Luther (10. November 1483 – 18. Februar 1546) war ein deutscher Reformator und Theologe. Nach seinem Studium in Erfurt trat er 1505 in ein Kloster ein, wurde 1512 promoviert und wirkte als Professor in Wittenberg. 1517 löste er mit seinen Thesen gegen den Ablass den Bruch mit der Papstkirche aus, der 1521 zur Exkommunikation führte. In der Folge entwickelte er seine reformatorische Theologie und übersetzte die Bibel ins Deutsche. Seine Lehre betonte die Gnade Gottes und die Autorität der Schrift und prägte Kirche und Kultur nachhaltig.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1928">
                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1643">
                  <persName>Rosenberg, Alfred</persName>
               </person>
               </listPerson></back></text>
</TEI>