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            <title>Brief von Paul Tillich an Eugen Rosenstock–Huessy 1935</title>
            <author ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</author>
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               <name key="https://orcid.org/0009-0006-5231-3094">Sebastian Kueffner</name>
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            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
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            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
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                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
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            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
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                  <country>USA</country>
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                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno>bMS 649/180(7)</idno>
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                  <p>Brief, maschinenschriftlich mit wenigen handschriftlichen Korrekturen und Zusätzen</p>
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            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
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         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
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               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
               <date when="1935">1935</date>
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               <persName ref="#tillich_person_id__1647">Eugen Rosenstock–Huessy</persName>
               
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         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__1647">Korrespondenz mit Eugen Rosenstock–Huessy</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__1647" target="L00980.xml">Brief von Paul Tillich an Eugen Rosenstock-Huessy vom 11. Mai 1928</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__1647" target="L10164.xml">Brief von Eugen Rosenstock–Huessy an Paul Tillich vom 5. Februar 1935</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L10023.xml">Undatierte Postkarte von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich aus dem Jahr 1935</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L10089.xml">Brief von Paul Tillich an Elisabeth Tillich vom Weihnachten 1935</ref></correspContext></correspDesc>
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            <language ident="deu">Deutsch</language>
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      <creation><date type="sort" when="1935-01-01"/></creation></profileDesc>
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         <change who="SK" when="2025-04-14">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
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            <pb n="1"/>
            <opener><!-- Die teilweise handschriftlichen Korrekturen in diesem Brief, die der Korrektur der Statzstruktur dienen, wurden teilweise normalisiert übernommen, prägnante Ausbesserungen sind hier behalten worden.-->
               <salute>Lieber <rs ref="#tillich_person_id__1647" type="person">Herr Rosenstock</rs>, <add place="superlinear" rend="hand"><del rend="s">lesen u. an <rs ref="#tillich_person_id__846" type="person">Heimann</rs> 1155 East 57<hi rend="sup">th</hi> Street <rs ref="#tillich_place_id__105" type="place">Chicago</rs> (Ill–</del></add></salute>
            </opener>
            
            <p>drei gewichtige Briefe von Ihnen liegen vor mir: kurze Zeit auch die Korrekturbogen Ihres Briefwechsels mit <rs ref="#tillich_person_id__1648" type="person">Rosenzweig</rs>: es ist aber vielleicht besser, dass ich auf sie nicht Bezug nehme, da sie einer anderen Periode angehören, und nach dem kurzen Blick, den ich auf sie werfen konnte, für mich sehr schwer zugänglich sind. So beschränke ich mich auf die Briefe, die ja auch so gefüllt mit Gedenken sind, dass die Antwort eine wissenschaftliche Arbeit ist, die ich auf die Ruhe meiner <rs ref="#tillich_place_id__105" type="place">Chicagoer</rs> Wochen verschieben musste.</p>
               
            <p>Ich würde mich freuen, wenn wir in einen Briefwechsel kämen, da ich glaube, dass ich zu der Zwischensphäre zwischen Theologie und Philosophie ––– die für mich der wirkliche Lebensraum ist, während jene Worte für mich nur polare Grenzbegriffe bezeichnen –––– viel von der Fülle und Konkretheit Ihrer Gesichte lernen kann, während ich vielleicht imstande bin, sie zu zwingen, meinem durch die philosophische Tradition vorgeformten Bewusstsein die Gesichte durch begriffliche Umgrenzung zu vermitteln. In diesem Satze liegt zugleich die Antwort auf eine persönliche Bemerkung Ihrerseits. Sie schreiben von einem zweiten Wechsel zwischen Theologie und Philosophie, bei Ihnen und bei mir. Ich bin mir eines solchen Wechsels so wenig bewusst, wie es <rs ref="#tillich_person_id__1918" type="place">Thomas</rs> gewesen sein mag, als er nach den <rs ref="#tillich__FRFFXMEW" type="work"><rs ref="#tillich_person_id__80" type="person">Aristoteles</rs>-kommentaren</rs> und der <rs ref="#tillich__NAZHS9NN" type="work">Summa contra gentiles</rs> die <rs ref="#tillich__M9JIHZCM" type="work">Summa theologica</rs> schrieb. Und auch die Tatsache des mehrfachen mindestens dreifachen Fakultätswechsels beweist keinen realen Wechsel.–– So weit ich Ihre Idee der deutschen Universität verstanden habe, nicht einmal für Sie. Denn wenn die ganze Universität das autoritative paulinische Lehramt repräsentiert, so muss die theologische Fakultät als Exponent der universitas litterarum verstanden werden, nicht aber im Sinne von <rs ref="#tillich_person_id__137" type="person">Barth</rs> als das "Ganz–Andere", das ein Fremdkörper<lb/><add place="left" rend="hand">Von mir an Rosenstock. Rosenstocks Brief leider nicht verfügbar. Bitte zurück!</add><note type="ea">Handschriftliche Notiz, seitlich den linken Blattrand aufwärts geschrieben.</note><pb n="2"/> in der Universität ist und bleiben soll. Demgegenüber habe ich mich z.b. in <rs ref="#tillich_place_id__143" type="place">Frankfurt</rs>, wo es keine theologische Fakultät gab,––– was von allen Fakultäten als sinnwidrig empfunden wurde ––– als protestantischer Theologe in philosophischem Material gefühlt und dem in jeder Diskussion deutlich Ausdruck gegeben. –––– Es ist ja merkwürdig und spricht sehr für Ihre These vom paulinischen Lehramt, dass die Universitäten nur so weit <hi rend="g">führen</hi>, als sie manifeste oder latente Theologie vermitteln, und zwar vor allem als Grundloge volkserziehender Praxis (So wirkt Columbia-University jetzt durch die pragmatistisch begründete Pädagogik <rs ref="#tillich_person_id__457" type="person">Dewey's</rs>). Dass diese Möglichkeit in <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs> zerstört ist, glaube auch ich.<rs ref="#tillich_person_id__137" type="person">Barth</rs> hatte seine Führerstellung nicht als wissenschaftlicher Theologe, sondern als prophetischer Kritiker von Theologie und Kirche. Theologisch blieb er immer ein Fremdkörper auf der Universität, ein Schweizer Landpfarrer. Aber selbst dieser Rest von Autorität führte zu seiner Vertreibung von der Universität.<rs ref="#tillich_person_id__841" type="person">Heidegger</rs>, der die Nazibewegung von der Universität her interpretieren wollte wurde in den Schwarzwald zurückgeschickt. Die Hofphilosophen wie <rs ref="#tillich_person_id__158" type="person">Bäumler</rs> und <rs ref="#tillich_person_id__3223" type="person">Kriek</rs> –––– von den neueren Ernennungen zu schweigen –––– sind unter Universitätsdurchschnitt; und eine Scene wie die in <rs ref="#tillich_place_id__244" type="place">Köln</rs>, wo ein <rs ref="#tillich_person_id__3224" type="person">Herr Dietrich</rs>, Pressechef, Hunderten von Professoren die philosophischen Leviten liest und sie sich das dumme Zeug –– reiner historischer Unsinn nach allen Berichten –––– schweigend mit anhören, und denn in <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs> ein grosses Rumoren über die bedeutungsvolle Rede losgeht,–––– zeigt allerdings klar, dass der deutschen Universität alle Vollmacht genommen ist. Entscheidender Ausdruck dieser Tatsache war das Versagen der Rektorenkonferenzen im <date when="1933-03">März 1933</date>, wo es noch möglich gewesen wäre, die Unantastbarkeit des Lehramtes durchzusetzen. Nachdem das infolge des mangelnden Bewusstseins um die Funktion des Lehramtes versäumt ist, gibt es kein Halten mehr: Der Professor ist zum autoritätslosen höheren Lehrbeamten geworden.–– Nun aber eine Frage: Gab es nicht<pb n="3"/> neben dem Lehramt immer die Lehrfunktion, die sich nicht nur im Amte, sondern ebenso und wichtiger im unbeamteten, charismatischen Lehrer ausdrückte? Die weitaus wirksamste Verwirklichung fand die Lehrfunktion in unbeamteten oder ––– charakteristischer Weise ––– von der intendierten Beamtenlaufbahn ferngehaltenen charismatischen Lehrern wie <rs ref="#tillich_person_id__1275" type="person">Marx</rs>, <rs ref="#tillich_person_id__1737" type="person">Schopenhauer</rs>, <rs ref="#tillich_person_id__1394" type="person">Nietzsche</rs>, <rs ref="#tillich_person_id__668" type="person">George</rs><!-- Fällt von dem Jahrhundert etwas aus der Liste, aber ich hab hier George Stefan angegeben -->, <rs ref="#tillich_person_id__3226" type="person">Wiechern</rs><!-- (sic) vermutlich Schreibfehler und gemeint wäre Johann Hinrich Wichern(ich vermute hier gemeint ist der Vater und nicht der Sohn von dem klassischeren "Line Up" hier)-->, <rs ref="#tillich_person_id__224" type="person">Bismark</rs>. Die Spannung zwischen Geist, der charismatisch ist, und Lehramt, das auf den Geist angewiesen, selbst aber nicht des Geistes mächtig ist,–– es sei denn in glücklichen Zufällen,––– beherrscht die Geschichte des ursprünglichen wie des säkularisierten Christentums. Meine Frage ist nun: Meinen Sie, dass auch der charismatische Lehrer in die Anonymität der Stammesexistenz hineingesogen werden soll? Braucht nicht der charismatische Führer den charismatischen Lehrer, oder ist er es selbst, wie es zur Zeit aussieht? Jedenfalls vermisse ich diesen Typ in Ihrer Dreiheit von Priester, <q>Levit</q>– Beamteter Lehrer, und <q>Samariter</q>. Denn der Samariter ist doch von Ihnen nicht als der Charismatiker gemeint!</p>
            
            <p>Zum <q>Samariter</q> zunächst einen kurzen Bericht: Etwa im Jahre <date when="1924">1924</date> haben <rs ref="#tillich_person_id__1438" type="person">Rudolf Otto</rs> und ich in <rs ref="#tillich_place_id__279" type="place">Marburg</rs> eine Konferenz jüngerer Theologen abgehalten, in denen wir die Möglichkeit erwogen haben, dass einige von ihnen als voll ausgebildete Theologen nicht ins Pfarramt, sondern in die Betriebe oder in die soziale Arbeit als Kerne latenter christlicher Gemeinden gehen, sozusagen das petrinische und paulinische Amt in profaner Verhüllung auszuüben. Das ist z.T. auch geschehen. Doch gelang es nicht, eine feste Form dafür zu finden, wie Sie sie im <q>Arbeitslager</q> gefunden haben. Von mir selbst kann ich nur sagen, dass mein Beitritt zur S.P.D. ganz gleichen Motiven entsprang und dass der einzige Vorwurf, den ich mir mache ist, dass ich nicht noch radikaler menschlich in sie einging. Dann hätte die geistige Kritik noch radikaler und wirksamer sein können. Ich war mir immer bewusst, dass ich dadurch an reiner Lehrautorität im Sinne der Universität viel ein<pb n="4"/> büsste und habe mich darum lange dagegen gesträubt (bis 1929)<supplied>.</supplied></p>
            <p>Nun aber sind alle, die in dieser Weise einen Teil ihrer Lehrautorität opferten, diffamiert und vertrieben, nachdem man ihre Gaben angenommen und verunstaltet hat! Was nun? Die Frage hat zwei Seiten: Einmal bezüglich der Vertriebenen, das Emigrantenproblem als geistiges Problem, und dann bezüglich der Gebliebenen: Stammesmythos und Lehre.</p>
            <p>Zunächst zum zweiten: Ich habe Berichte aus Privat–dozenten–arbeitslagern, in denen irgend ein Nazi–<q>Feldwebel</q> nationalsozialistische Weltanschauung do<unclear>z</unclear>iert, eine gerechte aber grauenvolle Antwort auf die Tatsache, dass in <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs> jeder sozialistisch erzogene Arbeiter politisch unvergleichlich gebildeter war als die Masse der Universitätsprofessoren, von den brüllenden Studienräten gar nicht zu reden. Aber so kann doch Lehre auf die Dauer nicht existieren. Es blieben also die <q>Samariter</q> vom Typus <rs ref="#tillich_person_id__904" type="person">Hirsch</rs> oder gar <rs ref="#tillich_person_id__158" type="person">Bäumler</rs>; aber niemand will sie, teils weil sie nichts zu geben haben, teils weil niemand sich als bedürftig fühlt, da im Führer ja alle Lehre inkarniert ist, <q><rs type="bible" ref="Joh-1,14">voller Gnade und Wahrheit</rs></q>. Die älteren Lehrer aber, wie <rs ref="#tillich_person_id__577" type="person">Feder</rs>, <rs ref="#tillich_person_id__1643" type="person">Rosenberg</rs>, <rs ref="#tillich_person_id__910" type="person">Hitler</rs> (1, Auflage) werden beseitigt oder sekretiert (Verbot über <rs ref="#tillich_person_id__1643" type="person">Rosenberg</rs> zu diskutieren, <rs ref="#tillich_person_id__910" type="person">Hitlers</rs> spätere Auflagen)<supplied>.</supplied> Die Stellung suchenden Privatdozenten aber, die zu ihrer Untersuchung "Ueber den Gebrauch des <add rend="hand">ds"</add> bei <rs ref="#tillich_person_id__886" type="person">Herodot</rs> ein Bekenntnisvorwort zur nationalen Erhebung schreiben und den deutschen Geist in der Welt stinkend machen, stehen noch <hi rend="g">unter</hi> dem <q>Feldwebel</q> der recht und schlecht das befohlene geistige Reglement ausführt. So würde ich sagen: Der <q>Lehr–Feldwebel</q> ist der Erbe der Universität im dritten Reich oder was das gleiche ist: Lehre hat aufgehört und ist in Instruktionsstunde (die Nachfolge und Institutialisierung der Propaganda) verwandelt worden. Das entspricht ganz dem militanten Charakter dieser Stammesreligion. Sie braucht Instruktion, um die Massen sturmreif zu machen, aber nicht Lehre, die immer Dialog und Dialektik einschliesst. Daher gibt es Lehre allein noch in der Opposition.<pb n="5"/></p>
            <p>Daraus scheint mir die geistige Aufgabe derjenigen Emigranten sich zu ergeben, die nicht einfach die Heimat gewechselt haben, sondern geistig zwischen den Räumen geblieben sind. Sie hat die opponierenden Vertreter der Lehre gegenüber der Instruktion zu unterstützen, und zwar im Sinne eines Typus, der auch in Ihrer Typologie nicht erwähnt ist: Des Geistes in der Verbannung und im Verfolgungszustand. Er ist dem Charismatiker verwandt, aber er hat ein neues entscheidendes Merkmal, das Märtyrertum, das ihn zum Zeugen in besonderem Sinne macht. Es ist nicht zufällig, dass die Apostellegende alle Apostel als Märtyrer endigen lässt. Ihr Märtyrertum war die entscheidende Bekräftigung ihrer Zeugenschaft. So gibt es heute in <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs> ein Märtyrertum für die Wahrheit, an dem die Emigration insofern teilhaben kann, als sie selbst um der Wahrheit willen Heimat und Sprache aufgeben musste und zwar grundsätzlich, nicht im Sinne eines blossen Heimatwechsels. Dieser Typus, mag er ursprünglich wie die meisten, Träger des Lehramtes gewesen sein, mag er sich dem Samaritertypus genähert haben, mag er Charismatiker gewesen sein, der Typus, der nun Zeuge geworden ist unter leiblichem oder seelischem Märtyrertum, ist gegenwärtiger Träger der Lehre.</p>
            
            <p>Es scheint mir nun sehr klar zu sein, wo heut die Wahrheit liegt, die Märtyrertum in einem Ausmasse verlangt, wie es vielleicht nie in der christlichen Geschichte da war. Wenn wir in Ihrer Typologie bleiben, so würde ich sagen, dass das römische Reich heut durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung und ihre relativ funktionierende Balance repräsentiert ist. Die Pax Britannics, deren Grundvoraussetzung die Balance <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs>–<rs ref="#tillich_place_id__161" type="place">Frankreich</rs> und <rs ref="#tillich_place_id__710" type="place">Japan</rs>–<rs ref="#tillich_place_id__684" type="place">U.S.A</rs> ist, entspricht der pax Augustans. Und es ist interessent, dass die Träger dieses kapitalistischen Friedens der Balance ––– die Arbeiterparteien sind, vor allem die englische, die, wie die S.P.D. nach dem Krieg, in der Alternative: kapitalistischer Friede oder kommunistische Revolution für das erste votierte. Der deutschen Oberschicht entsprechen<pb n="6"/> die Sadducäer als herrschende nationale Gruppe, die mit <q><rs ref="#tillich_place_id__369" type="place">Rom</rs></q> paktiert und die kapitalistische Balance benutzt, um ihre Herrschaft zu sichern, dabei bereit ist, jedes religiöse, nationale und geistige Ideal zu verraten, wenn um ihre Herrschaft geht. Sie wissen, dass ein Krieg gegen <q><rs ref="#tillich_place_id__369" type="place">Rom</rs></q>, d.h. gegen die vereinte Front der kapitalistischen Mächte erfolglos ist, sind aber jederzeit bereit, gegen <q>Stammesbewegungen</q> von innen und aussen, gegen Revolutionäre und Barbaren zu Felde zu ziehen,z.B. gegen die <q>National-Bolschewisten</q> in <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs> und gegen <rs ref="#tillich_place_id__376" type="place">Russland</rs>.</p>
            <p>Die religiöse Stammesbewegung, wie sie mit wesentlicher Zustimuung von mir die national-sozialistische Bewegung charakterisieren, ist repräsentiert durch den <q>Pharisäismus</q> eine radikal-nationalistische Gruppe kleinbürgerlicher Herkunft mit religiösem Fanatismus, Hass gegen die Oberschicht und Verachtung des bäurischen Proletariats. Diese Gruppe hat das jüdische Volk in den Vernichtungskrieg gegen <rs ref="#tillich_place_id__369" type="place">Rom</rs> gestürzt, weil die Oberschicht zu zersetzt war, um Widerstand leisten zu können. Vor allem fehlte eine widerstandsfähige von <rs ref="#tillich_place_id__369" type="place">Rom</rs>, wie heut vom Kapitalismus begünstigte Unterschicht, wie sie heute in den konsolidierten Arbeiterparteien vorliegt. (In <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs> freilich durch die politische Kurzsichtigkeit der Oberschicht der Zerstörung seitens der Stammesbewegung preisgegeben ist)</p>
            <p>Der soziologische Boden des Christentums war keine dieser Gruppen, sondern das ländliche Proletariat, das von <rs ref="#tillich_place_id__369" type="place">Rom</rs> und der sadduzäischen Oberschicht ausgesogen und von dem mittelständischen, theokratischen Nationalismus ausgeschlossen war. Es ist selbstverständlich falsch, das Christentum einfach als eine Klassenbewegung dieser Gruppe zu bezeichnen. Aber die Fehlerhaftigkeit dieser primitiven Identifizierung kann ja an der Tatsache nichts ändern, dass die eschatologischen Bewegungen, aus denen das Christentum hervorging, sehr deutliche soziologische Voraussetzungen haben, die auch in der ursprünglichen Legenden -und Dogmenbildung ausgedrückt sind.<pb n="7"/>Die Armen im Geiste, die bei <rs ref="#tillich_person_id__1277" type="person">Matthaeus</rs> und die Armen schlechthin, die bei <rs ref="#tillich_person_id__1222" type="person">Lukas</rs> selig gepriesen werden, sind bekanntlich die gleiche Gruppe, nämlich das von den theokratischen Gütern, geistlichen wie ökonomischen, ausgeschlossene <q>an ha-svez</q> <q>Volk des Landes</q>. Es ist klar, dass der Anspruch, der in dieser Seligpreisung enthalten ist, nämlich in einer gerade durch die religiöse und ökonomische <hi rend="g">Negativität der Existenz</hi> bevorzugten Position gegenüber dem <q>Himmelreich</q> zu sein, die Theokratie beider Gruppen, der römisch–kapitalistisch gesinnten und der jüdisch–nationalistisch gesinnten gegen die Christen aufbringen musste. Und so wurden alle ihre Zeugen Blutzeugen.</p>
               
            <p>Ich glaube, wir sind in der gleichen Situation. Die Spiritualisierung der Seligpreisungen und mit ihnen der ganzen Reichsgottesbotschaft, deren sich die späteren christlichen theokratischen Gruppen in voller Uebereinstimmung mit den jüdischen Christenverfolgern schuldig gemacht haben, muss zurückgenommen werden. Darum und <hi rend="g">nur</hi> darum geht das Märtyrertun für die Wahrheit heute und zwar, wie es scheint, in allen Ländern der Welt.</p>
               
            <p>Das Verhängnisvolle ist nun, dass das städtische Proletariat sich ausserhalb der Kirche politisch organisiert und in dieser Form in <rs ref="#tillich_place_id__376" type="place">Russland</rs> einen grossen politischen Sieg errungen hat. Das ist verhängnisvoll, weil es den religiösen Sinn der Seligpreisung der <q>Armen</q> verdeckt und aus der Reichsgotteserwartung die politische Utopie macht. Und das wieder gibt den Kapitalisten und Nationalisten die Möglichkeit, mit Hilfe einer Gegenutopie die eschatologische Bewegung überhaupt niederzuschlagen. Und in diesem Falle sind die Opfer der sich dann erhebenden Verfolgung nicht einfach Märtyrer; denn zum Märtyrer gehört nicht nur das Leiden, sondern auch die Wahrheit, für die er leidet. Das Politische reicht aber nur mit einem Teil in die Sfäre der Wahrheit, was sich darin offenbart, dass der Unterlegene in Falle des Sieges ja auch den anderen verfolgt hätte; beide haben sich gleichsam die Verfolgung<pb n="8"/> vorgegeben. Andererseits reicht das Politische mit einem Teil in die Sfäre der Wahrheit und darum kann in dieser Verfolgung auch echtes Märtyrertum sich ereignen, bei denjenigen, die nicht verfolgt hätten, wenn sie siegreich gewesen wären, sondern die einer neuen Verfolgung preisgegeben sind, nämlich durch die Sieger, mit denen sie gemeinsam gesiegt haben, weil sie durch den Sieg die Wahrheit verwirklichen wollten, während ihre Mitkämpfer die Wahrheit in den Dienst des Sieges stellen und darum verfolgen. <q>Eine Sache verlassen, wenn sie siegreich ist</q>, ist nach <rs ref="#tillich_person_id__1394" type="person">Nietzsche</rs> die Forderung an den <q>höheren Menschen</q>.<note type="ea">Dies könnte eine Anspielung auf Nietzsches: <q>Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?</q> aus <q><rs ref="#tillich__VLD6A7JJ" type="work">Dann sprach Zarathustra</rs></q> (S.29) sein.</note> Er war sich wohl kaum klar darüber, dass er damit den Unterschied des Märtyrers vom Unterlegenen kennzeichnet.</p>
            <p>Dieser Gedanke darf aber nicht formalisiert werden: Der Unterschied in der Realität ist der: Der Sadduzäer und Pharisäer, der Theokrat als Kapitalist und als Nationalist verfolgt per <foreign xml:lang="lat">definitionem</foreign>; sein Prinzip schliesst den Willen zur Verfolgung ein und, damit das echte Märtyrertum als Möglichkeit aus. Der <q>Christ</q> und der <q>Sozialist</q> verfolgt <foreign xml:lang="lat">contra definitionem</foreign>. Sein Prinzip schliesst den Willen zur Verfolgung aus und damit das echte Märtyrertum als Möglichkeit ein. Als die Kirche aufhörte, verfolgt zu sein und Verfolgerin wurde, zeigte sie, dass ihr Kampf gegen den römischen Staats-Sakramentalismus nicht <hi rend="u">nur</hi> ein Kampf für die Wahrheit war und dass nicht alles christliche Märtyrertum echtes Märtyrertum war. Immerhin hat die verfolgende Kirche zu allen Zeiten ein schlechtes Gewissen gehabt. Sie hat dem Staat die Ausführung überlassen mit dem formalen Recht, dass Ketzerei staatsrechtliches Verbrechen war. Dennoch hat sie damit ihre Wahrheit realiter verraten, was der verfolgende römische Staat nicht getan hat.</p>
            <p>Der Sozialismus verrät seine Wahrheit noch nicht dadurch, dass er kämpft. Da er der christlichen Verkündigung objektiven Ausdruck in Institutionen sozialer Gerechtigkeit geben will, und die Spiritualisierung der Reichsgottesidee ablehnt, so muss er um die Macht kämpfen, solche Institutionen zu schaffen. Die Kirche im Römischen Staat hat für ihre Situation genau<pb n="9"/> den gleichen Kampf gekämpft: Um die Schaffung einer hierarchischen Institution in der auf religiöser Basis eine politische, ökonomische, rechtliche und kulturelle Organisation geschaffen wurde, die einen Staat im Staate darstellte. Es ist nicht zufällig, dass alle staatlichen Angriffe sich gegen die <hi rend="u">politische Organisation</hi> der Kirche richtet und dass diese Organisation im Zerfalls–Jahrhundert stark genug war, die Funktionen des Staates mitzuübernehmen. Dieser Weg war dem römischen universalen Polizeistaat gegenüber der einzig mögliche. In der Situation der demokratisch erzogenen Nationalstaaten und der kapitalistischen Desintegration kommt dieser Weg nicht infrage. Die Reintegration kann nicht <hi rend="g">neben</hi> dem National–Staat und seinen ökonomisch–rechtlichen Institutionen unter Führung einer unabhängigen Hierarchie erfolgen. Die Mächte der Reintegration können nicht anders als den Staat, der als Nationalstaat Angelegenheit jedes einzelnen ist, für die Reintegration in Anspruch zu nehmen. So hat es die <q>Stammesbewegung</q> getan, so muss es der christliche Sozialismus tun. Nicht dass die Kirche als solche eine politische Bewegung werden soll. Was sie aber leisten muss, ist, der Ort zu sein, in dem die Kräfte auch der sozialen Reintegration konzentriert sind und von der sie in die politischen Bewegungen eindringen. Man kann sich dieser Notwendigkeit nur entziehen, wenn man die Kirche selbst als hierarchischen Organismus mit sozial desintegrierenden Kräften auffasst. Das bedeutet Katholizismus. Mir scheint es aber die Schwäche des Katholizismus in der Gegenwart zu sein, dass er weder wie in der Antike eine eigne soziale Organisation aufbauen, noch wie im Mittelalter die politischen Dinge hierarchisch leiten kann. Sein geistlich–politisches Schwert ist stumpf geworden<supplied>,</supplied> weil es nur für den Gebrauch in einer anderen Sozialordnung geschmiedet war<add rend="hand">,</add> und dem nationalen und sozialem Bewusstsein der autonom gewordenen Völker gegenüber nicht mehr schneiden konnte. Das Luthertum zog die Konsequenz: Es zog sich heraus aus der Weltlichkeit und überliess sie ohne Anspruch auf ein richtendes Schwert sich selbst, d.h. den jeweiligen Mächten. Daher seine Ohnmacht und Gespaltenheit gegenüber dem, was jetzt geschieht<pb n="10"/> und der Rückzug auf die reine Transzendenz. Der Kalvinismus hat mit Hülfe der bürgerlichen Gesellschaft das Schwert zu gebrauchen versucht, hat sich dabei aber mit eben dieser Gesellschaft so verbunden, dass er die Kraft des Protest gegen sie verloren hat. So drängt alles zu einer neuen Erfassung des Verhältnisses der Kirche zur sozial-politischen Wirksamkeit. Glücklicherweise ist das nicht mehr eine Sache der blossen Forderung und Konstruktion, sondern es vollzieht sich ständig in der Wirklichkeit. Ueberall da nämlich, wo kirchliche Zeugenschaft durchstösst zur Identifizierung mit sozialistischer Zeugenschaft, oder wo sozialistische Zeugenschaft durchstösst zu kirchlicher. Dabei bedeutet <q>sozialistisch</q> die innere Freiheit gegenüber jeder sozialistischen Verwirklichungsform –was nicht gleich Nicht–Zugehörigkeit ist. Und <q>Kirche</q> bedeutet bedeutet die innere Freiheit gegenüber jeder kirchlichen <q>Verwirklichungsform</q> ––was ebenfalls nicht gleich Nicht–Zugehörigkeit ist. Die Verfolgung in der Kirche, die wir heut erleben ist für mich kein echtes Märtyrertum, solange die Märtyrer der sozialen Gerechtigkeit in Konzentrationslagern und Zuchthäusern sitzen. Diese aber sind keine wahren Zeugen, solange sie nicht wissen, dass sie Kirche sind und in einer höheren Einheit stehen, als die ihrer politischen Kampfgemeinschaft. Erst wenn die Verfolgten der Kirche, die dann wahrhaft verfolgt würden, und die Verfolgten der sozialen Gerechtigkeit, die dann wahrhaft Sieger würden, eins wären, hätten wir den Anfang einer neuen Kirche in der Kraft neuer Zeugen. Alles andere halte ich für Romantik, die gern katholisch werden möchte, oder Liberalismus, der vor dem Punkt ausweicht, an dem heut Zeugenschaft verlangt wird.</p>
            <p>Ein Wort zu Ihrem Vorwurf betreffend meine Gedanken über die Masse. Wenn ich von der <q>dynamischen Masse</q> oder in höchst paradoxen Formulierungen von der <q><rs ref="#tillich__2QT76V2I" type="work">Heiligkeit der Masse</rs></q> gesprochen habe, so meinte ich nie, dass sich der Geist der Masse zu unterwerfen habe: jedes Wort von <q><rs ref="#tillich__2QT76V2I" type="work">Masse und Geist</rs></q> sagt das deutlich. Sondern ich meinte, dass Massen, die es ja nicht immer gibt, die<pb n="11"/><q>Schafe ohne Hirten</q> genannt werden ––– was ich mit <q>Desintegration der Massen</q> übersetzt habe ––– in ihrem dumpfen Sehnen nach Reintegration die Forderung an den Geist stellen, diesem Sehnen Ausdruck zu geben–vielleicht gerade in scharfem Kampf gegen den Vordergrund–Willen der Massen. Das habe ich damals gesagt und das würde ich auch heut noch denken––– als Gericht über <rs ref="#tillich_person_id__910" type="person">Hitler</rs> und <rs ref="#tillich_person_id__687" type="person">Goebbels</rs>. Aber ohne solche Massenbewegung und sich selbst nur dunkel verstehende Massensehnsucht ist weder die Geschichte der Ausbreitung des Christentums, noch die spätmittelalterlichen Laienbewegungen, noch die Entstehung der nationalen Idee, noch die Gegenkräfte gegen das 19te Jahrhundert zu erklären. Das Dekret romantisierender Intellektueller, dass diese oder jene Periode zuende ist, bedeutet gar nichts, wenn nicht eine reale Massensehnsucht (oder ökonomische oder biologische oder astronomische Konstellation ––– das ist für mich alles dasselbe) vorliegt, die dem an sich leeren Ton der blossen Reflexion die füllende Resonanz gibt. Die paulinische Lehre von der <q><rs type="bible" ref="Eph-1,10"><rs type="bible" ref="Gal-4,4">Fülle der Zeit</rs></rs></q> besagt eben dieses.</p>
            <p>Sie sind erstaunt über meine bejahende Stellung zur Existential–Philosophie. Soweit ich Sie verstanden habe, interpretieren Sie sie als eine Neuauflage des Idealismus, der gern priesterlich sein möchte. Ich zweifle zunächst an dieser Charakterisierung des Idealismus. Er war––– um in Ihren Kategorieen zu bleiben–' Vollstrecker des paulinischen Lehramtes in profanisierter Form aber mit unverhüllter religiöser Substanz. Infolgedessen hatte er die missionarische Aggressivität des Paulinismus, musste sie haben; und er hatte und musste haben den organisatorischen Willen, der bei <rs ref="#tillich_person_id__1468" type="person">Paulus</rs> und jeder missionierenden Lehre gegeben ist. Das erste ist besonders an <rs ref="#tillich_person_id__589" type="person">Fichte</rs>, das zweite an <rs ref="#tillich_person_id__839" type="person">Hegel</rs> sichtbar. Priesterliches sehe ich bei beiden schon deswegen nicht, weil die Identitätsphilosophie, die den Idealismus vom Paulinismus substantiell unterscheidet, die priesterliche Vermittlung ausschliesst. Dieser Punkt ist es nun zugleich, von dem aus alle Kritik am Idealismus auszugehen hat; und dieser Punkt ist es zugleich, wo ich den entscheidenden Unterschied der exis<pb n="12"/>tentialphilosophischen Ansatzes von Idealismus sehe. Darum halte ich <rs ref="#tillich_person_id__1275" type="person">Marx</rs> in nicht geringerem Masse für einen Existential–Philosophen als <rs ref="#tillich_person_id__1049" type="person">Kierkegaard</rs>. Beide aber fallen unter die Kategorie, die ich vorher entwickelt habe: Die des Zeugen. Wenn ich der Existential–Philosophie zustimme, so deswegen, weil in ihr der Philosoph Zeuge werden kann! Lesen Sie einmal die Jugendschriften von <rs ref="#tillich_person_id__1275" type="person">Marx</rs> im Vergleich mit <rs ref="#tillich_person_id__1049" type="person">Kierkegaards</rs> philosophischen Schriften und Sie werden finden, dass in beiden Fällen der Wille zur <q>Zeugenschaft</q> den Angriff gegen <rs ref="#tillich_person_id__839" type="person">Hegel</rs> leitet. Dass bei <rs ref="#tillich_person_id__841" type="person">Heidegger</rs> nicht mehr viel davon übrig geblieben ist, liegt einmal daran, dass er die historische Existenz idealistisch formalisiert, ferner daran, dass er sich auch von <rs ref="#tillich_person_id__1049" type="person">Kierkegaards</rs> ethischer und kirchlicher Aggression fern hält und in eine Innerlichkeit zurückkehrt, die dann die Kategorien einer allgemeinen Anthologie abgibt und sich dadurch sozusagen ihrer verantwortlichen Existentialität entzieht. Ich akzeptiere also die philosophische Haltung der Existentialität, verneine aber ihre verstümmelte Durchführung. Was ich fordere ist: Der Philosoph als Zeuge.</p>
            <p>In all diesen Ausführungen ist implicite eine Antwort auf Ihre Kritik an meiner Denk–und Sprach–Form gegeben. Lassen Sie mich auch das kurz explizieren.</p>
            <p>Das Thema: <q>Der totalitäre Staat u.s.w</q> war mir gegeben. Ich musste also davon reden; und mir ist die Differenz von national–sozialistischem und staatlichem Denken nie zweifelhaft gewesen; ich habe darum vom <q>Mythos des Volkes oder Volkstums</q> gesprochen und die unzutreffende aber unvermeidliche Uebersetzung durch <q>nation</q> mit Hülfe der Klammer <q>Volk</q> zu korrigieren versucht.<!-- Über welchen Text redet er da gerade mit Rosenstein (seinen Marx Text, vorher Masse und Geist ?) --> Ihre Uebersetzung von <q>Volk</q> durch <q>Stamm</q> radikalisiert diese Seite (ich fand übrigens neulich in der <q>Times</q> das Wort<q>tribe</q>–movement für die Hitler–Bewegung) und ich akzeptiere diesen Sprachgebrauch, obgleich er den historischen Sinn des Wortes <q>Stamm</q> nicht ganz gerecht wird. Vor allem stimme ich nicht nur zu, sondern habe es als den Nerv meines ganzen Gedanken–ganges empfunden, dass diese Volks–Stammes–Bewegung eine religiöse ist, mit eigenem<pb n="13"/> Mythos, Ritus und Priester–Führertum. Das alles kann aber die Tatsache nicht verdecken, dass sie zugleich von Anfang an eine machtpolitische Bewegung war, die den Staat erobern wollte, um mit Hilfe der staatlichen Macht Weltanschauung und Lebensform der Stammesbewegung integral durchzusetzen. Mag sein, dass <rs ref="#tillich_person_id__1728" type="person">Karl Schmitt</rs> den Begriff <q>totalitärer Staat</q> von einer substanzlosen Staatsideologie aus ––– entsprechend meiner eigenen Substanzlosigkeit ––– erfunden hat. Jedenfall hat der Begriff die Funktion gehabt, der Stammesbewegung die ideologische Möglichkeit ihrer politischen Selbstverwirklichung zu geben und hat die Folge gehabt, den schweren Kirchenkonflikt herbeizuführen, an dem der Ansturm der Stammesreligion erstmalig zerbrochen ist. Ob auf die Dauer, hängt davon ab, inwieweit es den Militär und der Bürokratie gelingt, der national–sozialistischen Bewegung nach den meisten übrigen <del type="s">nach den meisten übrigen</del> staatlichen Funktionen auch noch die Erziehungs–Hoheit zu entreissen. Gelingt das nicht, und es scheint wenig ernster Wille dafür da zu sein,––– so ist der ganze Erfolg des Kirchenkampfes zweifelhaft. Es würde sich dann zeigen, dass man nicht zugleich <q>Heil Hitler</q> rufen und christlicher Zeuge sein kann, was meinem Glauben an das kommende echte Zeugentum entsprechen würde.</p>
            <p>Wenn ich den Begriff der antidemokratischen, autoritativen und totalitären Tendenzen als ein gemeinsames Kennzeichen der spätkapitalistischen Massenintegration hingestellt habe, so ist das nicht mehr, sondern weniger <q>monistisch</q>, als wenn Sie vom bürgerlichen 19 ten Jahrhundert als allgemeiner Qualifizierung einer geschichtlichen Epoche sprechen. Ohne allgemeine Begriffe gibt es überhaupt kein Denken und Verstehen; es kommt nur auf die richtige Spezialisierung an, und um die habe ich mich in meinen Aufsatz so konkret wie nur möglich bemüht. Aber im Hintergrund dieser m. E. unzutreffenden Kritik steht ein wirkliches Problem, die Frage der Denk–und Sprach–Methode. Ich würde den Unterschied von uns beiden, als den von dialektischem und intuitivem Denken kennzeichnen, wozu noch das induktive kommt, das für die mir bekannten Amerikaner typisch ist. Als Dialektiker habe ich keine Ruhe, ehe ich nicht eine Sa<pb n="14"/>che von ihren letzten Prinzipien aus vermittelst dialektischer Ableitung verstanden habe: dialektisch heisst <q>durch Dialog</q> also durch Ja und Nein. So führt mein Denken mich immer wieder zu Dualitäten, Antithesen und möglichen Synthesen.–– Der intuitive Denker sieht qualitativ selbständige Komplexe, die er nicht auflöst, nicht zurückführt, sondern benennt. Seine wichtigsten Denkmittel sind Analogie und Konstellation. Er erzielt dadurch überraschende Wirkungen, wie sie dem Dialektiker versagt sind. Er ist aber wehrlos gegen andere, ebenso überraschende Analogieen und Konstellationen, während der Dialektiker in der kritischen Analyse eine Waffe dagegen in der Hand hat.–Der induktive Denker ist von der <q>Tatsache</q> so in Anspruch genommen, dass er es nur selten und tastend zu allgemeinen Urteilen über Zusammenhänge und Tendenzen bringt. Er kann nie genug Tatsachen bekommen, ist aber wehrlos, wenn ein existentieller Angriff gegen ihn erfolgt, ausgehend von einer ihm ungewohnten Interpretation der Tatsachen.––– was weder bei dem dialektischen noch bei dem intuitiven Denker der Fall ist.</p>
            
            <p>Wenn wir diesen seelischen Typen einen geschichtlichen Ort zuweisen wollen, so hätte es in folgender Weise zu geschehen. Der induktive Denktypus setzt für<add rend="hand">/</add> <add rend="hand">s</add>ein Existieren eine Sicherheit voraus, die es ihm erspart, existentielle Entscheidungen treffen zu müssen. Die grosse innere und ziemlich grosse äussere Sicherheit der englischen und amerikanischen Existenz hat die Herausbildung dieses Denktypus gefördert und trägt ihn auch heute.–– Der kritisch–dialektische Denker gehört einer kämpferischen und seinem Wesen nach<!-- reich? --> dynamischen Periode an. Darum konnte das Bürgertum die kritisch–dialektischen Methoden ausbilden und die Arbeiterschaft sie übernehmen.–– Die intuitive Methode muss wegen ihres Verzichts auf die Analyse qualitativer Komplexe statischen Perioden oder der Sehnsucht nach neuer Statik zugerechnet werden. Ich habe immer eine Verwandtschaft zwischen Ihnen und der Phänomenologie empfunden deren Ahnenreihe ja auf die mittelalterliche Vorstellung von konstanten qualitativen Hierarchieen zurückweist.</p>
            
            <p><pb n="15"/>Für das Denken im Sinne des Zeugen gibt es keinen besonderen Typus und keine eindeutige Zuordnung zu den genannten Typen. Das Denken des Zeugen enthält zwei notwendige Elemente: Bezeugung und Angriff. Die Wirkung des echten Zeugen ist darum immer zugleich Glaube und Aergerniss. Wenn nun der Zeuge Denker ist, so kann er es in dem einen wie in dem anderen Denktypus sein. Wie <rs ref="#tillich_person_id__1468" type="person">Paulus</rs> durchaus dem dialektischen, <rs ref="#tillich_person_id__985" type="person">Johannes</rs> dem intuitiven Typus angehört. Niemand kann seinen Denktypus, mit dem auch seine Sprache gegeben ist, unmittelbar verlassen. Er kann es nicht und er soll es nicht. Darum kann ich die Forderung, den dialektischen mit dem intuitiven Typus zu vertauschen, nicht anerkennen: Weder für mich noch für unsere Zeit. Ich bin der Ueberzeugung, dass solange der Kampf um die Grundlegung einer besseren sozialen Gerechtigkeit weiter geht, der dialektische Typus im Uebergewicht bleiben muss. Wo er von dem intuitiven abgelöst wird, ist im günstigen Fall auf Sehnsucht, im ungünstigen auf Reaktion zu diagnostizieren. Dass Sie unter dem Vorwurf zu leiden haben, durch Ihr Denken Reaktion zu fördern, wie ich unter dem Vorwurf<q>liberalistisch</q>geblieben zu sein, darf uns nicht stören, solange wir uns der Gefahr unseres Typus und unserer Sicht der Dinge bewusst bleiben? Und so lange es unser Ziel bleibt, dem Zeugen den Weg zu bahnen, durch den ein neues <q>Zeitalter der Kirche</q> begonnen wird, ein Zeitalter, in dem die Kirche nicht mehr das falsche Aergernis gibt, um dessetwillen ihr der Mühlstein ihrer Staats– und Gesellschaftsgebundenheit um den Hals gehängt ist: Das Aergernis, sich abseits oder im Gegensatz zum Kampf um die soziale Gerechtigkeit zu halten; sondern dass sie das echte Aergernis gibt; das darin liegt, dass sie ihre Ueberweltlichkeit nicht in Bestätigung oder gar Weihung der jeweilig herrschenden sozialen Ungerechtigkeits–Formen betätigt, sondern in dem Aergernis und Märtyrertum schaffenden Kampf gegen sie. Der Denker, der an diesem Kampf teilnimmt, wird als Denker zum Zeugen. Ihm den Weg zu bereiten, ist der Sinn, den ich meinem Denken heute geben muss.</p>            
            <closer>
               <salute>Ihr</salute>
               <signed><rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">P. Tillich</rs></signed>
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                  <persName>Aristoteles</persName>
                  <birth>
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                     <settlement>
                        <placeName>Stagira</placeName>
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                     <date>-0322</date>
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                        <placeName>Chalkide</placeName>
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                  <note type="bio">
                     <p>Aristoteles (384/383 v. Chr. – 322 v. Chr.) war ein griechischer Philosoph und Universalgelehrter. Von 367 bis 348 v. Chr. studierte und lehrte er an Platons Akademie, wirkte danach am Hof des Hermias von Atarneus und ab 343/342 als Erzieher Alexanders des Großen. 335 v. Chr. gründete er in Athen das Lykeion, wo er Logik, Metaphysik, Naturforschung, Ethik, Politik und Rhetorik zu einem systematischen Wissenskorpus ordnete und so das Fundament zahlreicher Disziplinen prägte. Nach Alexanders Tod zwang ihn eine antimakedonische Bewegung 323 zum Rückzug nach Chalkis, wo er ein Jahr später starb.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1468">
                  <persName>Paulus</persName>
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                  <note type="bio">
                     <p>Paulus von Tarsus (1. Jhdt.) gilt als wichtigster Missionar des frühen Christentums und als einer der ersten christlichen Theologen. Aus jüdisch-pharisäischer Tradition stammend und im Besitz des römischen Bürgerrechts, wandelte er sich nach einem Bekehrungserlebnis vom Verfolger der Christen zum Apostel der nichtjüdischen Völker. Er durchreiste den Mittelmeerraum, gründete Gemeinden und blieb mit diesen über Briefe in Verbindung, die als älteste Texte des Neuen Testaments gelten. Im Zentrum seiner Theologie standen Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi, woraus er die Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade ableitete. Seine Lehre prägte die christliche Theologie nachhaltig und wirkte tief in die europäische Geistesgeschichte hinein.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__137">
                  <persName>Barth, Karl</persName>
                  <occupation>Theologe</occupation>
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                  <note type="bio">
                     <p>Karl Barth (10. Mai 1886 – 10. Dezember 1968) war ein Schweizer reformierter Theologe und einer der bedeutendsten evangelischen Dogmatiker des 20. Jahrhunderts. Nach dem Studium arbeitete er als Pfarrer, später lehrte er als Professor in Deutschland und Basel. 1935 wies ihn das NS-Regime wegen seiner Gegnerschaft aus. Mit der Auslegung des Römerbriefs begründete er die Dialektische Theologie und wandte sich gegen den liberalen Protestantismus. Hauptwerk blieb die Kirchliche Dogmatik. Mit Paul Tillich verband ihn ein anhaltender theologischer Austausch, in dem beide gegensätzliche Positionen vertraten, etwa zur analogia entis.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__687">
                  <persName>Goebbels, Joseph</persName>
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                  <persName>Matthäus</persName>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__457">
                  <persName>Dewey, John</persName>
                  <occupation>Philosoph, Pädagoge und Psychologe</occupation>
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                  <note type="bio">
                     <p>John Dewey (20. Oktober 1859 – 1. Juni 1952) war ein US-amerikanischer Philosoph, Pädagoge und Mitbegründer des Pragmatismus, der Denken als problemlösendes Handeln in sozialen Kommunikationsprozessen fasste. Nach Professuren in Michigan und Chicago – wo er 1896 eine Laborschule als Experimentierfeld für seine „Progressive Education“ gründete – wirkte er ab 1904 an der Columbia University und verband in Werken wie „Democracy and Education“ (1916) eine erfahrungsorientierte Lerntheorie mit dem Ziel, durch Schule die demokratische Gesellschaft stetig zu erneuern. Sein umfangreiches Œuvre beeinflusste Pädagogik, praktische Philosophie und Ästhetik weltweit, insbesondere durch die Projektmethode und die Betonung lebenslangen Lernens.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1643">
                  <persName>Rosenberg, Alfred</persName>
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                  <persName>Schmitt, Carl</persName>
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               <person xml:id="tillich_person_id__1648">
                  <persName>Rosenzweig, Franz</persName>
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               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1647">
                  <persName>Rosenstock- Huessy, Eugen</persName>
                  <occupation>Rechtshistoriker und Soziologe</occupation>
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               <person xml:id="tillich_person_id__904">
                  <persName>Hirsch, Emanuel</persName>
                  <birth>
                     <date>1888-06-14</date>
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                        <placeName>Bentwisch</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1972-07-17</date>
                     <settlement>
                        <placeName key="#tillich_place_id__743">Göttingen</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Systematischer Theologe</occupation>
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                  <note type="bio">
                     <p>Emanuel Hirsch (14. Juni 1888 – 17. Juli 1972) war ein deutscher evangelischer Theologe. Nach Studien in Berlin und Göttingen lehrte er von 1921 bis 1945 als Professor für Kirchengeschichte, später für Systematische Theologie, an der Universität Göttingen. In Auseinandersetzung mit Fichte, Luther und Kierkegaard entwickelte er eine „ethische Geschichtsansicht“, die er unter anderem im Leitfaden zur christlichen Lehre (1938) und in der fünfbändigen Geschichte der neueren evangelischen Theologie (1949–1954) darlegte. 1933 begrüßte Hirsch den Nationalsozialismus, unterstützte die „Deutschen Christen“ und deutete Hitlers Bewegung als Überwindung einer kulturellen und staatlichen Krise, was sein theologisches Nachwirken nachhaltig belastete. Nach 1945 publizierte er weiter und leitete eine private Sozietät zur Relecture theologischer Klassiker, ohne seine politische Haltung grundsätzlich zu revidieren.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__841">
                  <persName>Heidegger, Martin</persName>
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                  <note type="bio">
                     <p>Martin Heidegger (26. September 1889 – 26. Mai 1976) war ein deutscher Philosoph. Er zählt zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhunderts und prägte zahlreiche Philosophen wie Jean-Paul Sartre, Hannah Arendt und Hans-Georg Gadamer. In seinem Werk setzte er sich grundlegend mit der abendländischen Philosophie auseinander und entwickelte neue Ansätze zur Analyse von Sein und Existenz.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1737">
                  <persName>Schopenhauer, Arthur</persName>
                  <note type="bio">
                     <p>Arthur Schopenhauer (22. Februar 1788 – 21. September 1860) war ein Philosoph aus Deutschland. Er begründete eine pessimistische Metaphysik des Willens, in der der Wille das tragende Prinzip der Welt darstellt, während Verstand und Vernunft ihm nachgeordnet sind. In seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung verknüpfte er die Erkenntnislehre Kants mit der Vorstellung eines blinden, ruhelosen Willens. Befreiung vom Druck dieses Willens fand er in Kunst, Mitleid und Askese. Seine Ethik beruhte nicht auf dem kantischen Vernunftprinzip, sondern auf dem Mitgefühl. Auf diese Weise bereitete er den Boden für Psychoanalyse und Lebensphilosophie.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1275">
                  <persName>Marx, Karl</persName>
                  <occupation>Deutscher Ökonom</occupation>
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                  <note type="bio">
                     <p>Marx, Karl (5.5.1818 Trier – 14.3.1883 London) war ein deutscher Philosoph und Gesellschaftstheoretiker. Er stammte aus einer jüdischen, später evangelisch getauften Familie, studierte in Bonn und Berlin und promovierte 1841 in Jena. Nach journalistischer Tätigkeit in Köln lebte er ab 1843 im Exil, zunächst in Paris, wo er Friedrich Engels begegnete, mit dem er 1848 das Kommunistische Manifest veröffentlichte. Seit 1849 lebte er in London, wo er trotz Krankheit und Armut publizistisch arbeitete und von Engels finanziell unterstützt wurde. Marx entwickelte den historischen Materialismus, analysierte ökonomische Gesellschaftsformationen und prägte die Arbeiterbewegung nachhaltig. Seine Schriften machten ihn zum Haupttheoretiker des Sozialismus und zu einer Schlüsselfigur der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1049">
                  <persName>Kierkegaard, Sören</persName>
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                  <note type="bio">
                     <p>Søren Aabye Kierkegaard (5. Mai 1813 – 11. November 1855) war ein dänischer Theologe, Philosoph und Schriftsteller. Geprägt von der strengen Frömmigkeit seines Vaters, studierte er Theologie in Kopenhagen, löste 1841 seine Verlobung mit Regine Olsen und legte 1843 mit Entweder – Oder sein erstes großes Werk vor. Unter zahlreichen Pseudonymen verband er ästhetische, psychologische und religiöse Betrachtungen, während er unter eigenem Namen den christlichen Anspruch radikalisierte. In Werken wie Der Begriff Angst, Die Krankheit zum Tode und Einübung im Christentum entfaltete er seine Existenzphilosophie, die den einzelnen Menschen vor Gott in den Mittelpunkt stellt. Bis zu seinem Tod führte er in heftiger Polemik einen Angriff auf die dänische Staatskirche. Postum wurde er zum einflussreichen Begründer von Existenzphilosophie und -theologie.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__910">
                  <persName>Hitler, Adolf</persName>
                  <note type="bio">
                     <p>Adolf Hitler (20. April 1889, Braunau am Inn – 30. April 1945, Berlin) war Vorsitzender der NSDAP, seit 1933 Reichskanzler und ab 1934 als „Führer“ diktatorischer Staats- und Regierungschef des Deutschen Reiches. Er entfesselte 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg, der über 70 Millionen Menschen das Leben kostete, und trug die Hauptverantwortung für den Holocaust an den europäischen Juden. Als oberster Befehlshaber der Wehrmacht führte er eine totalitäre Herrschaft, die Terror, Propaganda und aggressive Expansion vereinte und große Teile Europas verwüstete. Beim Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ beging Hitler am 30. April 1945 in Berlin Suizid; eine Grabstätte gibt es nicht.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__668">
                  <persName>George, Stefan</persName>
                  <occupation>Schriftsteller und Verleger</occupation>
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               <person xml:id="tillich_person_id__1438">
                  <persName>Otto, Rudolf</persName>
                  <birth>
                     <date>1869-09-25</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Peine</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1937-03-07</date>
                  </death>
                  <occupation>Evangelischer Theologe, Religionswissenschaftler und Politiker</occupation>
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                  <note type="bio">
                     <p>Rudolf Otto (25. September 1869 – 6. März 1937) war ein evangelischer Gelehrter für Theologie und Religionswissenschaft. Nach akademischer Ausbildung und Promotion arbeitete er an mehreren Universitäten – Göttingen, Breslau und ab 1917 Marburg. Er unternahm Forschungsreisen nach Nordafrika und Asien. Sein einflussreiches Werk von 1917 führte den Begriff des Numinosen als zentrale Kategorie religiöser Erfahrung ein. Otto verstand Religion als eigenständige geistige Kraft und suchte den Austausch mit östlichen mystischen Traditionen. Zudem engagierte er sich politisch in reformerischen Bewegungen. 1929 beendete er seine Lehrtätigkeit aus gesundheitlichen Gründen.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__886">
                  <persName>Herodot</persName>
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               <person xml:id="tillich_person_id__589">
                  <persName>Fichte, Johann Gottlieb</persName>
                  <birth>
                     <date>1762-05-19</date>
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                        <placeName>Rammenau</placeName>
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                  </birth>
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                     <date>1814-01-29</date>
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                  <note type="bio">
                     <p>Johann Gottlieb Fichte (19. Mai 1762 – 29. Januar 1814) war ein deutscher Philosoph und Erzieher. Als Professor in Jena und Berlin prägte er die Frühphase des Deutschen Idealismus und bereitete mit seiner Wissenschaftslehre den Übergang von Kants Kritizismus zu Hegels Systemdenken vor. Fichte verband theoretische Philosophie mit einer Ethik der Freiheit und gilt als einer der geistigen Wegbereiter des modernen Selbstbewusstseins.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__846">
                  <persName>Heimann, Eduard</persName>
                  <occupation>Deutscher Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler</occupation>
                  <note type="bio">
                     <p>Eduard Heimann (11. Juli 1889 – 31. Mai 1967) war ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Gesellschaftstheoretiker. Nach Studien an mehreren europäischen Universitäten wurde er Anfang der 1920er Jahre in Kommissionen zu Verstaatlichungsfragen tätig. Ab 1925 lehrte er in Hamburg, verließ Deutschland jedoch 1933 und wirkte danach bis 1963 an einer New Yorker Hochschule. Sein theoretisches Werk konzentrierte sich auf die Analyse von Arbeitnehmerschutz, Versicherungssystemen und Tarifverträgen als Mechanismen zur Einkommensumverteilung und Innovation, die zugleich kapitalistische Strukturen stabilisieren, ohne sie zu zerstören. Er deutete Sozialpolitik nicht als Armenfürsorge, sondern als freiheitliche Gestaltung der Arbeitswelt mit paradoxer Doppelfunktion. Heimann entwickelte zudem ein Konzept der freiheitlichen Vergesellschaftung als Gegenmodell zu sowjetischen Systemen. Religionssoziologisch interpretierte er Glaubenssysteme als gesellschaftlich integrierende Kraft und rationalistisches Denken als desintegrierend.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__985">
                  <persName>Johannes</persName>
                  <occupation>Evangelist</occupation>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__3223">
                  <persName>Krieck, Ernst</persName>
                  <occupation>Deutscher Lehrer, Schriftsteller und Professor</occupation>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__3224">
                  <persName>Dietrich, Otto</persName>
                  <occupation>Pressechef der NSDAP</occupation>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1222">
                  <persName>Lukas</persName>
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                  <persName>Hegel, Georg Wilhelm Friedrich</persName>
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                     <date>1770-08-27</date>
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                        <placeName key="#tillich_place_id__420">Stuttgart</placeName>
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                  <death>
                     <date>1831-11-14</date>
                     <settlement>
                        <placeName key="#tillich_place_id__37">Berlin</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
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                  <note type="bio">
                     <p>Georg Wilhelm Friedrich Hegel (27. August 1770 – 14. November 1831) war ein deutscher idealistischer Philosoph. Nach Theologie- und Philosophiestudium in Tübingen, wo er mit Hölderlin und Schelling zusammentraf, arbeitete er als Privaterzieher in der Schweiz und Frankfurt. 1801 habilitierte er sich in Jena und veröffentlichte dort sein Hauptwerk zur Phänomenologie des Geistes. Danach leitete er ein Gymnasium in Nürnberg, bevor er 1816 an die Universität Heidelberg wechselte und 1818 Fichte an der Berliner Universität nachfolgte. Seine Lehrveranstaltungen zu Logik, Recht, Geschichte und Religion gewannen großen Einfluss. Als Zentfigur des deutschen Idealismus formte sein dialektisches Denksystem die Philosophie des 19. Jahrhunderts nachhaltig. Er starb 1831 während einer Cholerapandemie in Berlin.</p>
                  </note>
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                  <persName>Feder, Gottfried</persName>
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                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
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                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
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                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
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                  <persName>Nietzsche, Friedrich</persName>
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                  <note type="bio">
                     <p>Friedrich Nietzsche (15. Oktober 1844 – 25. August 1900) war ein deutscher Philosoph und Autor. Nach altphilologischem Studium wirkte er ab 1869 als Professor in Basel. Sein Frühwerk zur Tragödie führte zum Bruch mit dem Komponisten Wagner und zum Austritt aus dem akademischen Lehramt. Als unabhängiger Schriftsteller – geprägt von chronischen Leiden – verfasste er mehrere Hauptwerke, in denen er metaphysische und christliche Traditionen attackierte und Konzepte wie Machtwirksamkeit, zyklische Zeit und eine posthumane Existenzform entwickelte. 1889 erlitt er einen psychischen Kollaps und verbrachte seine letzten Jahre in Weimar.</p>
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                  <persName>Bismarck, Otto von</persName>
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                  <persName>Wichern, Johann Hinrich</persName>
                  <occupation>Missionar, Theologe und Pädagoge</occupation>
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                  <persName>Bäumler, Alfred</persName>
                  <occupation>Philosoph</occupation>
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               </listPerson><listBibl><biblStruct type="book" xml:id="tillich__M9JIHZCM" corresp="http://zotero.org/groups/5701116/items/M9JIHZCM" n="von Aquin, Summa theologica, None">
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            <title level="m">Summa theologica</title>
            <author>
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              <surname>von Aquin</surname>
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            <title level="m">Summa contra gentiles</title>
            <author>
              <forename>Thomas</forename>
              <surname>von Aquin</surname>
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            <title level="m">Also sprach Zarathustra</title>
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            <title level="m">Masse und Geist. Studien zur Philosophie der Masse</title>
            <author>
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            <title level="m">Kommentar zu Aristoteles Metaphysik</title>
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